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Lern- und Erinnerungsorte der Demokratiegeschichte in Hessen

Freiheit, Selbstbestimmung und Teilhabe sind die Basiszutaten einer Demokratie. Nicht Lenkung, Direktive und Gängelung bestimmen den Lebensalltag des Einzelnen, sondern die Möglichkeit der freien Entfaltung seines privaten wie beruflichen Lebens im Rahmen einer Rechtssicherheit garantierenden Verfassung.

Die Kultur einer Nation setzt sich aus der gemeinsamen Geschichte, der gemeinsamen Sprache, den gemeinsamen Symbolen, den gemeinsamen Ritualen und den gemeinsamen Vorbildern zusammen. So darf man die Demokratie nach 1945 in Deutschland als Teil der Kultur unseres Landes begreifen. Und als Teil der Kultur bedarf sie ebenfalls Vorbildern. Diese Vorbilder können Personen sein wie Konrad Adenauer, Kurt Schumacher oder Theodor Heuss. Aber auch Orte, an denen Wegweisendes für den Aufbau und die Entwicklung der Demokratie geschehen ist, können diesen Vorbildcharakter entfalten.

Hessen, in der Mitte des wiedervereinigten Deutschlands gelegen, ist reich an positiven Orten der Demokratiegeschichte:

Die Paulskirche in Frankfurt am Main

Die Paulskirche ist die Wiege der deutschen Demokratie. Hier entstand die erste deutsche demokratische Verfassung. Der langjährige Feuilleton-Journalist der FAZ und Architekturkritiker Dieter Bartetzko schrieb 1998 über die Frankfurter Paulskirche:

„Das Jahr 1998 rief die „Paulskirche“ als Symbolbegriff für das Jubiläum „150 Jahre Nationalversammlung“ wieder in Erinnerung. Dagegen ist der Bedeutungsgehalt des Bauwerks auch fünfzig Jahre nach dem Aufbau kaum im öffentlichen Bewusstsein. Wenn in diesem Zusammenhang „über die Abgründe der Geschichte hinweg“ die heutige Paulskirche Vergangenes in die Gegenwart und Zukunft trägt, dann in dieser von Rudolf Schwarz und seinen Kollegen geschaffenen Doppelgestalt aus Scheitern und Hoffen. Sie wird umso bedeutender, als mit der Rekonstruktion der Dresdner Frauenkirche, dem ersten gesamtdeutschen Bau nach der Wiedervereinigung, nun ein Denkmal wiederersteht, das sich unwillentlich von jenem Mahnen lossagt, das der Dresdner Torso beschwor und das im torsoartigen Wiederaufbau der Frankfurter Paulskirche bewahrt geblieben ist.“ (Dieter Bartetzko: Denkmal für den Aufbau Deutschlands. Die Paulskirche in Frankfurt am Main, Königstein 1998, S. 74)

Die Paulskirche ist Symbolort, Mahnung, Geburtsraum deutscher Parteien, Episodenstätte einer Revolutionsgeschichte, Arena für Großdeutsches und Kleindeutsches, Parlamentsgebäude und Demokratiegrundstein. Sie ist Frankfurt, ist deutsche, österreichische und luxemburgische Geschichte, ist eine Demokratiefackel für ganz Europa.

Das I.G. Farben – Haus / Poelzig-Bau

Hessens zweitwichtigster Demokratieort hat eine entschieden undemokratische Vorgeschichte. Es ist die sichtbarste Hinterlassenschaft der 1925 gegründeten IG Farben, ihr riesiger, gleichsam optisch faszinierender Verwaltungssitz in Frankfurt am Main. Das von Poelzig erbaute, moderne Bürogebäude wurde Ende März 1945 von US-Truppen besetzt und aufgrund des unbeschädigten Zustands umgehend umgewidmet. Aus einem Täterort wurde quasi über Nacht Hessens wichtigster Demokratieort, lässt man die Paulskirche beiseite. Denn das Gebäude fungierte bis Juli 1945 unter General Dwight D. Eisenhower, dem späteren US-Präsidenten, als Hauptquartier der alliierten Expeditionstruppen (SHAEF) und in der Folge als US-Hauptquartier (USFET) für Europa. Im noch vorhandenen Büro Eisenhowers wurden wichtige Wegmarken im Prozess der Demokratisierung der Westzonen gelegt: Mit Eisenhowers Unterschrift 1945 unter der "Proklamation Nr. 2" der US-Militärregierung, mit der die preußische Provinz Hessen-Nassau mit dem rechtsrheinischen Hauptteil des früheren Volksstaates Hessen unter dem provisorischen Namen Groß-Hessen vereinigt wurden, wurde der Grundstein für das heutige Hessen gelegt. Auch kam es im IG Farben-Bau zum Startschuss für die Erarbeitung des Grundgesetzes, denn am 1. Juli 1948 erhielten hier die elf Ministerpräsidenten der Westzonen-Länder im Beisein der drei alliierten Militärgouverneure mit den Frankfurter Dokumenten den Auftrag, das Grundgesetz zu formulieren. Nur wenig davor, am 20. Juni 1948, war im Poelzig-Bau die neue (west-)deutsche Währung, die Deutsche Mark, verkündet worden.

Das Konklave von Rothwesten bei Fuldatal: Ort der Währungsreform

Innerhalb von 49 Tagen im Frühjahr 1948 fand auf einem ehemaligen Fliegerhorst der Deutschen Wehrmacht eine geheime, militärisch bewachte Versammlung von Wirtschaftsexperten ehemaliger Reichsbehörden und Fachleuten der westalliierten Siegermächte statt, um die Währung in den Westzonen Deutschlands infolge der darniederliegenden Wirtschaft und des blühenden Schwarzmarktes neu zu sortieren.

Das „Konklave von Rothwesten“ gilt als der Laborraum des deutschen Wirtschaftswunders.

Wirtschaftsrat

Der Wirtschaftsrat des Vereinigten Wirtschaftsgebietes, auch Wirtschaftsrat der Bizone genannt, war eine Institution in den Westzonen des besetzten Nachkriegsdeutschland. Der Rat tagte im Westflügel der Frankfurter Börse.

Den US-amerikanischen Besatzer drängte es, so schnell wie möglich eine eigene deutsche Verwaltung zu bilden. Die Verwaltungskosten ihrer Besatzungszone waren immens. Erst der Zusammenschluss zur Bizone am 1. Januar 1947 leitete den strukturellen Fortschritt ein, um nötige Synergieeffekte auch umsetzen zu können.

Eine parlamentarisch untermauerte gemeinsame Wirtschaftsverwaltung sollte entstehen. Dadurch sollte die Wirksamkeit der Verwaltung verbessert werden. Erste Aufgabe des Wirtschaftsrates war es, zuerst die strukturellen Unterschiede zwischen der US-Besatzungszone, die föderal organisiert war, und der Britischen Besatzungszone, die zentral organisiert war, zu beseitigen. Der Wirtschaftsrat stellte wesentliche Weichen für den erfolgreichen Wiederaufbau der westdeutschen Wirtschaft.

Sonderstelle Geld und Kredit in Bad Homburg

Anfang März 1948 entschlossen sich die US-Amerikaner, eine Währungsreform in den drei Westzonen durchzuführen. Es war von Beginn der Überlegungen an klar, dass diese Reform eine wirtschaftliche und politische Teilung des besetzten Deutschland nach sich ziehen würde. Bereits im Jahr 1946 lagen den Amerikanern Pläne von den Professoren Colm, Dodge und Goldsmith (CDG-Plan) vor. Als Alternative galt der Homberger Plan, der von der Sonderstelle für Geld und Kredit, dem Nachfolger der ehemaligen Deutschen Reichsbank, ausgearbeitet wurde. Diese Sonderstelle war 1947 vom Wirtschaftsrat der Bizone eingerichtet worden. Sie bestand nur aus Wirtschaftsfachleuten. Bis Ende 1948 stand der spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard diesem Gremium vor. Erhard war in seiner Homburger  Zeit in der „Villa Hansa“ in der Kisseleffstraße 21 untergebracht, wo auch die offizielle Adresse der Expertenkommission war. Für die Sitzungen nutzte man allerdings das Kaminzimmer der „Villa Meister“ in der Kaiser-Friedrich-Promenade 109.

Ständehaus in Kassel

Hessen verfügt über zwei Parlamentssitze. Das Ständehaus, ein 1834–36 nach den Plänen Julius Eugen Ruhls in Kassel erbauter früher Neorenaissancebau, diente ursprünglich den kurhessischen Landständen als Tagungsort. Das Ständehaus ist heute Sitz des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen.

Nach der Wiederherstellung des Kurfürstentums Hessen wurden die Landstände seit 1816 nicht mehr einberufen. Die Revolution von 1830 brach in Kurhessen mit großer Heftigkeit aus. Kurfürst Wilhelm II sah sich nach einer Massenpetition veranlasst, die Landstände neu einzuberufen. Diese beschlossen am 5. Januar 1831 eine neue, für damalige Verhältnisse abesonders fortschrittliche Verfassung mit einem Einkammerparlament, einem Verfassungseid und der Möglichkeit einer Ministeranklage, einem Vorläufer der parlamentarischen Verantwortlichkeit der vom Monarchen ernannten Minister. Bis zum Ende des Kurfürstentums und dem Aufgehen Kurhessens im Königreich Preußen im Jahre 1866 behielt das Ständehaus seine Funktion als kurhessisches Parlamentsgebäude.

Palais Thurn und Taxis in Frankfurt

Der Deutsche Bund gilt gemeinhin als Vorläufer des Deutschen Reiches. Der Wiener Kongress beschloss die Wiederherstellung der Freien Stadt Frankfurt und bestimmte im Juni 1815 in der Bundesakte das Palais Thurn und Taxis zum Sitz des Bundestages. Dieser war eine Versammlung der 41 Staaten des Deutschen Bundes, kein Parlament mit gewählten Parlamentariern. Für die Nutzung des sogenannten Bundespalais erhielt der Besitzer Fürst Karl Alexander von Thurn und Taxis eine jährliche Miete.

Das Palais wurde 1731 bis 1739 von Robert de Cotte im Auftrag des Reichserbgeneralpostmeisters Fürst Anselm Franz von Thurn und Taxis erbaut. 1748 wurde es Sitz der Hauptverwaltung der von den Thurn und Taxis betriebenen Kaiserlichen Reichspost, von 1805 bis 1813 fungierte es als Residenz des Fürstprimas und Großherzogs von Frankfurt Karl Theodor von Dalberg.

Der sogenannte Bundestag, offiziell Bundesversammlung genannt, war ein ständiger Gesandtenkongress der Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes und dessen einziges Organ. Sein bekanntester Gesandter war Fürst Otto von Bismarck, von 1851 bis 1859 Gesandter Preußens in Frankfurt. Die Beschlüsse des Bundestages waren Bundesrecht. Die Öffentlichkeit war von den Sitzungen ausgeschlossen. Ihr Vorsitzender, der österreichische Gesandte beim Deutschen Bund, hatte seine Privatwohnung im Bundespalais. Nach der Märzrevolution 1848 stellte die Bundesversammlung ihre Arbeit vorerst ein. Stattdessen belegte die am 24. Juni 1848 von der Frankfurter Nationalversammlung eingesetzte Provisorische Reichsregierung für kurze Zeit das Bundespalais. Nach dem Scheitern der Revolution wurden 1849 die früheren Verhältnisse wiederhergestellt. Ende 1850 bezog die Bundesversammlung bis 1866 wieder das Palais.

Von 2004 bis 2009 wurde das Palais als Teil des Investitionsprojektes „Palaisquartier“ mit verändertem Grundriss rekonstruiert. 

Grablege des Reichspräsidenten Hindenburg in der Marburger Elisabethkirche

Die Elisabethkirche ist eine dreischiffige Hallenkirche. Sie gilt als die älteste rein gotische Kirche in Deutschland und wurde 1283 geweiht. Der Deutsche Orden baute sie unter maßgeblicher Förderung der Landgrafen von Thüringen zu Ehren der heiligen Elisabeth von Thüringen. Sie wurde über Elisabeths Grabmal errichtet, was die Kirche im späten Mittelalter zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte des Abendlandes machte.

In der Nordturmkapelle der Elisabethkirche befindet sich das Grab des früheren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und seiner Ehefrau. Hindenburg ist der einzige nach den Setzungen der Weimarer Verfassung direkt vom Volk gewählte, demokratisch legitimierte Reichspräsident der Weimarer Republik. Politisch umstritten ist der ehemalige Generalfeldmarschall des Ersten Weltkrieges durch seine Entscheidung, nach den ab 1930 auf der Basis von Notverordnungen regierenden Reichskanzlern Brüning, Papen und Schleicher, die ohne Mehrheit im Reichstag regierten, Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler zu ernennen. Damit war die Machtergreifung der Nationalsozialisten perfekt. Gleichwohl ist Hindenburg nach Friedrich Ebert das Gesicht der Weimarer Republik, auch wenn der monarchistisch gesinnte Hindenburg direkt nicht als Vorbild eines Demokraten zu werten ist. Dennoch ist er wesentlicher Repräsentant der ersten deutschen Demokratie.

Das Ehepaar Hindenburg war 1934 im 1927 eingeweihten Tannenberg-Denkmal in Ostpreußen beigesetzt worden. Um zu verhindern, dass die Leichen in die Hände der Roten Armee fallen, ließ Hitler im Januar 1945 die Särge des Ehepaares von Einheiten der Wehrmacht aus dem Denkmal schaffen. Im August 1946 wurden die Särge in der Turmhalle der Elisabethkirche endgültig beigesetzt.

Die Elisabethkirche ging 1969 vom hessischen Staat in das Eigentum des Gesamtverbandes der Evangelischen Kirchengemeinden in Marburg über.

Die „Einheitsbrücken“ zwischen Hessen und Thüringen

Die friedliche Revolution in der DDR, die Öffnung der Grenzen und der Fall des Eisernen Vorhangs zählen zu den Sternstunden deutscher Demokratiegeschichte. Dem Mut und dem Veränderungswillen der Menschen in der Noch-DDR war es zu verdanken, dass das SED-Regime und die Teilung Deutschlands friedlich, ohne dass ein Schuss fiel, endeten und der Deutschen Einheit im wahrsten Sinne des Wortes den Weg bereiteten.

Auch in Hessen, gelegen an der ehemaligen hermetisch abgeriegelten Grenze zu Thüringen, die ein tief ins DDR-Hinterland reichendes Sperrgebiet und Grenzregime abriegelte, gibt es solche Orte der positiven Demokartiegeschichte: die „Einheitsbrücken“. An ihnen oder mitten durch diese hindurch verlief die deutsch-deutsche Grenzen. Ihre Abriegelung oder Sprengung und späterer Wiederaufbau waren sowohl ein steinernes Symbol der Teilung als auch der späteren Begegnung und Wiedervereinigung. Denn Hessen und Thüringer, die in den Grenzgebieten hüben und drüben Wohnenden, nutzten diese Brücken als Ort der sehr persönlichen Wiedervereinigung zwischen Menschen und Familien.

Die bekannteste „Brücke der Einheit“ verläuft über die Werra zwischen dem thüringischen Vacha und dem hessischen Philippsthal. Die Brücke selbst gehörte noch zur DDR, da die Grenze hier am Westufer der Werra verlief. Ein Kuriosum der deutschen Teilung: die Grenze verlief durch einen Gebäudeteil des ehemalige Druckereigebäude Hoßfeld an der Brücke. Nachdem das Bauwerk in den Jahrzehnten der Teilung mit Stacheldraht, Wachturm und Grenzzäunen unzugänglich war, konnten nach der Grenzöffnung zwischen Vacha und Philippsthal am 12. November 1989 die Menschen über die Brücke erstmals wieder zusammenkommen. Regelmäßig werden in Philippsthal und Vacha große Einheitsfeierlichkeiten abgehalten, an denen zum Teil Tausende zusammenkommen, um der Einheit an dieser Stelle zu gedenken.

Eine weitere Werrabrücke zwischen Lauchröden (Thüringen) und Herleshausen (Hessen) war 1945 von der US-Army gesprengt worden. Nur Brückenpfeiler blieben stehen, auf denen in der Zeit der deutschen Teilung ein DDR-Wachturm stand. Es war jedoch ein besonderer symbolischer Akt, dass schon im Dezember 1989 innerhalb kürzester Zeit wieder eine provisorische Holzbrücke an dieser Stelle errichtet wurde, über die sich die jahrzehntelang Getrennten wieder begegnen konnten. Jahre später wurde sie durch die heutige massive Konstruktion ersetzt. Die familiären Bindungen zwischen den Einwohnern beider Ortschaften ließen sich also durch die Jahrzehnte der Teilung nicht kapppen. Bis heute treffen sich die Menschen am Tag vor Weihnachten an der feierlich geschmückten Lauchröder Brücke, um ihre Wiedervereinigung zu feiern.

Ganz in der Nähe befindet sich die im Aufbau befindliche Gedenkstätte Werra-Grenzpark Herleshausen, die an die deutsche Teilung erinnern soll.

Auch die 1945 von der Wehrmacht gesprengte Brücke bei Lindewerra in Thüringen über die Werra, entlang deren Westufer die innerdeutsche Grenze verlief und von der nur wenige Brückenreste zurückblieben, wurde erst 1999 wieder aufgebaut und trägt seither ebenfalls den Namen „Brücke der Einheit“. Sie verbindet den Ort mit den historischen Gemarkungen und dem hessischen Ort Oberrieden. Früher, vor der Teilung Deutschlands, hatten die Bauern auf der hessischen Seite ihre Felder bestellt und überquerten hierzu die Brücke. Nach 1990 ließen die Bewohner Lindewerras nicht locker, bis die alte Brücke mit Mitteln aus Hessen und Thüringen wieder errichtet werden konnte. Sie entstand aus starkem bürgerschaftlichem Engagement heraus.