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Inflation

Inflation ist ein anderes Wort für Kaufkraftverlust und Geldentwertung. Ein Liter Milch kostet im Jahr 2021 1 Euro, während in 2018 dieser Liter 90 Cent kostete. Dieses fiktive Beispiel verdeutlicht: Der potentielle Käufer und Milchtrinker muss mehr Geld für den Erwerb aufwenden bzw. sein Geld in eigenen Geldbeutel ist weniger wert, um einen Liter Milch erwerben zu können.

Wird der Euro in Ihrem Geldbeutel morgen noch genauso viel wert sein wie heute? Was wird, um bei dem Beispiel zu bleiben, der Liter Milch in 2026 kosten? Können Sie sich auf Ihre Bank auch in Krisenzeiten verlassen?

Frankfurt am Main ist Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB). 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der EZB sind dafür beschäftigt, dass sie diese drei Fragen beantworten können. Die EZB-Mitarbeiter stammen aus ganz Europa. Insgesamt werden bei der EZB 24 Sprachen gesprochen.

Warum steigen die Preise?

Die Verbraucherpreise legten laut Statistischem Bundesamt, das seinen Sitz in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden hat, im September 2021 gegenüber dem Vorjahresmonat um 4,1 Prozent zu. Die Inflation in Deutschland erreicht damit den Höchststand seit 28 Jahren. Das hat viele Gründe. Diese Entwicklung hängt unter anderem mit den hohen Energiepreisen und gestiegenen Nahrungsmittelpreisen zusammen. Die hohe Inflation ist aber auch eine Folge der niedrigen Preise von 2020.

Wodurch entstehen Inflation und Deflation?

Inflation ist der anhaltende Wertverlust von Geld durch steigende Preise.

Preissteigerungen können verschiedene Ursachen haben, etwa die Verknappung bestimmter Güter oder Dienstleistungen. Derzeit sind zum Beispiel viele Baustoffe knapp, aber auch Computerchips. Wegen der hohen Nachfrage erhöhen sich die Preise der Produkte. Dieser Preisanstieg wird von den Unternehmen an die Verbraucher weitergegeben. Auch die Zinspolitik der EZB kann die Inflationsrate beeinflussen.

Eine Deflation ist faktisch das Gegenteil der Inflation. Hier gehen die Preise kontinuierlich zurück, Güter und Dienstleistungen werden billiger. Die Gründe sind vielschichtig: die Nachfrage privater Haushalte sinkt oder die Nachfrage aus dem Ausland nach Importwaren. Gefährlich ist neben einer galoppierenden Inflation auch eine Deflation, weil sie eine Abwärtsspirale in Gang setzen kann: werden fallende Preise erwartet, werden Investitionen und Käufe zurückgestellt – die Wirtschaft gerät ins Stocken.

Wie lassen sich die Auswirkungen und Gefahren von Inflationsraten beschreiben?

Steigende Inflationsraten können für die Verbraucher einen Verlust ihrer Kaufkraft bedeuten. Das heißt: der Bürger kann sich weniger leisten. Anders formuliert: für eine bestimmte zur Verfügung stehende Geldsumme können bei einem Anstieg der Inflation nicht mehr in gleichem Maße Güter oder Dienstleistungen in Anspruch genommen werden. Daher ist es für die Beurteilung inflationärer Anzeichen mitentscheidend, auf die Entwicklung von Löhnen und Gehältern zu schauen. Steigen sie in der Teuerung nicht oder im Verhältnis zum Anstieg der Preise zu wenig, schwindet die Kaufkraft der Konsumenten. Steigen diese unverhältnismäßig, schwächt dieses die Produktivität der Wirtschaft. Eine Lohn-Preis-Spirale, bei der kräftig steigende Löhne von den Unternehmen über höhere Preise weitergegeben werden, zahlt letztlich der Endverbraucher.

Wer sind die Verlierer einer größeren Inflation?

Verlierer sind die kapitalärmeren Mitbürgerinnen und Mitbürger. Die Aussage, Inflation sei unsozial, hat eine gewisse Berechtigung. Denn wichtig ist die Inflation auch für die Geldanlage und den Vermögensaufbau etwa zur Altersvorsorge. Diese ist heute neben der staatlichen Rente bzw. Pension auch eine private Aufgabe. Steigt die Inflation, nicht aber die Zinsen, wird angelegtes Vermögen zur Alterssicherung immer weniger wert. Sparern und Rentnern wird dagegen infolge der „Entwertung“ ihrer Sparguthaben häufiger der Rat gegeben, nicht nur in Staatsanleihen, sondern auch in Aktien und attraktive Immobilien zu investieren.

Was ist unter der sogenannten Inflationsrate zu verstehen?

Als Inflationsrate wird der prozentuale Anstieg des allgemeinen Preisniveaus in einem bestimmten Zeitraum bezeichnet, in der Regel ein Jahr, und zwar gemessen an einem Preisindex. Dazu werden monatlich Einzelpreise erfasst, und zwar von Waren und von Dienstleistungen, aufgeteilt in ca. 600 Güterarten. Diese umfassen den sogenannten Warenkorb.

Wie beeinflussen Zentralbanken die Geldwertstabilität?

Die Sicherung stabiler Preise ist in aller Regel die originäre Aufgabe der Zentralbanken, auch der EZB. Früher vor der Einführung des EURO war dies die Aufgabe der Deutschen Bundesbank.

Preisstabilität interpretiert die EZB dann als gegeben, wenn die Inflationsrate im Euro-Währungsgebiet bei "unter, aber nahe" zwei Prozent liegt. Die Gefahr einer galoppierenden Inflation wäre bei einer beherrschbaren Preissteigerung von nahe zwei Prozent ebenfalls nicht gegeben, sofern eben diese Preissteigerung beherrschbar ist.

Üblicherweise erhöhen die Zentralbanken die Zinsen, wenn die Teuerung zunimmt, um die Preise stabil zu halten. Die EZB hat die Zinsen gesenkt, um auf diese Weise ein Anziehen der Inflation zu erreichen. Seit März 2016 liegt der Leitzins im Euroraum bei 0,0 Prozent.

Wie wirken Seuchen auf die Inflation?

Auf die Coronakrise reagierte die EZB angesichts der eh bereits bei Null liegenden Zinsen mit enormen Aufkäufen von Anleihen, um so zu versuchen, die Wirtschaft zu stabilisieren. Die Preise sind in Deutschland 2020 in der zweiten Jahreshälfte durch die zeitweise gesenkte Mehrwertsteuer gedrückt worden. Außerdem ist die Konjunkturerholung nach dem Einbruch in der Corona-Krise groß. Des Weiteren sind in Deutschland seit Anfang 2021 25 Euro je Tonne Kohlendioxid zu zahlen, welches beim Verbrennen von Diesel, Benzin, Heizöl und Erdgas entsteht. So könnte sich nach Hoffnung einiger Ökonomen der Preisauftrieb im Laufe von 2022 wieder abschwächen.

Was ist unter der Inflationsangst der Deutschen zu verstehen?

Die „harte“ Deutsche Mark hatte nach 1948/49 fast den Stellenwert einer Grundgesetz-Bestimmung. Dass die Bundesbank für die D-Mark eine strikte, massiv auf Preisstabilität ausgerichtete Geldpolitik verfolgte, hat mit dem historischen Trauma der Deutschen zu tun: nämlich der Erfahrung der Hyperinflation des Jahres 1923 infolge des Ersten Weltkrieges und des daraus resultierenden Versailler Vertrages. Als Hyperinflation wird eine Geldentwertung bezeichnet, die 50 Prozent im Monat in der Spitze übersteigt. Die Bilder vom Abholen von Wochenlöhnen in Rucksäcken und Schubkarren sind, zumal in Schulbüchern stets berücksichtigt, im Bewusstsein der Deutschen im 20. Jahrhundert gegenwärtig. Auch der Schwarzmarkt-Betrieb und die Entwertung der Reichsmark nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus 1945 sind Teil der deutschen Erinnerungskultur.