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30. Juni 1982: 40 Jahre „Abschied vom Hitlerismus“ und die Entstehungsgeschichte der „Hepp-Kexel-Gruppe“

Politische Gewalt durch rechte Akteurinnen und Akteure lebte auch nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 fort. Bis heute belegen Übergriffe und Anschläge gegen gesellschaftliche, politische und religiöse Minderheiten die tödliche Gefahr, die auch für Politikerinnen und Politiker besteht. Die Bedrohung, die von klandestinen rechten Personen, Gewaltgruppen und -netzwerken auch in jüngster Vergangenheit ausgingen, wurde trotz vielfacher Hinweise aus migrantischen, jüdischen und vielen weiteren bedrohten Communities oftmals unterschätzt.

Eine Personengruppe, die bisher als Opfer politischer Gewalt militanter rechter Akteurinnen und Akteure in der Bundesrepublik weitestgehend unbeachtet blieb, sind Angehörige des US-Militärs, die auf dem westdeutschen Staatsgebiet aus unterschiedlichen Gründen stationiert waren und immer wieder Ziel politischer Gewalt wurden. Dass es an diesem Punkt eine wichtige Schnittstelle zwischen rechten und linken Gruppen über das Brückennarrativ „Antiimperialismus“ gibt, wurde lange Zeit in der Forschung und in den öffentlichen Debatten vernachlässigt, tritt aber in der Gegenwart in neuen Querfrontkonzepten immer deutlicher zu Tage.

Ende der 1970er und in den 1980er Jahren gab es mit der Präsenz des US-amerikanischen Militärs in Deutschland eine manifeste Bezugsgröße der vermeintlichen Fremdsteuerung in der BRD und speziell in Hessen, die in verschiedenen militanten und gewaltbereiten rechten Diskursgemeinschaften als Feindbild markiert wurden. Ein aussagekräftiges Beispiel dafür ist die sogenannten „Hepp-Kexel-Gruppe“ (HKG).

Gründung „Hepp-Kexel-Gruppe“

Um die zum damaligen Zeitpunkt szene- und polizeibekannten Rechtsradikalen Odfried Hepp und Walther Kexel bildete sich 1982 eine Gewaltgemeinschaft, die mindestens elf Sprengstoffanschläge auf US-amerikanische Soldaten und Militäreinrichtungen im Rhein-Main-Gebiet sowie mindestens sieben Raubüberfälle auf Banken verübte. In ihrer programmatischen Erklärung „Abschied vom Hitlerismus“, veröffentlicht am 30. Juni 1982, versuchten sich Hepp und Kexel von anderen rechten Gewaltgruppen ideologisch abzugrenzen. Ihr Ziel war es, durch die Übernahme vermeintlich antiimperialistischer Positionen im Rahmen einer Querfrontstrategie einen Schulterschluss mit der bundesdeutschen Friedensbewegung sowie mit der Roten Armee Fraktion (RAF) und den Revolutionären Zellen (RZ) zu forcieren. Der imaginierte gemeinsame Feind, die USA als vermeintliche Besatzungsmacht in der Bundesrepublik, sollte durch ein in alle politischen Richtungen offenes und anschlussfähiges Konzept eines „nationalrevolutionären antiimperialistischen Befreiungskampfes“ aus Westdeutschland vertrieben werden.

Die „Hepp-Kexel-Gruppe“ entstand demnach keineswegs im luftleeren Raum. Die Radikalisierungsprozesse der späteren Mitglieder der HKG zeigen deutlich, wie eng deren Lebenswege mit der Radikalisierung und der zunehmenden Militantisierung in den sehr unterschiedlichen und teils konkurrierenden rechten Milieus der 1970er Jahre verbunden waren. Alle Personen waren als einschlägig militante Rechte bekannt, hatten verschiedene rechtsradikale politische Straftaten begangen und waren überwiegend Teil von militanten rechten Gruppierungen, lange bevor sie gemeinsam eine Gruppe gründeten. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Bildung der HKG war der Auftakt des Prozesses gegen die von den Sicherheitsbehörden zerschlagenen „Deutschen Aktionsgruppen“ um Manfred Roeder im Januar 1982. Ein Großteil des Weltbildes von Odfried Hepp baute zu dieser Zeit noch auf der Ideologie seines „Ziehvaters“ und der Adaption von Versatzstücken neurechter Theoriefragmente auf. Hepp lernte Roeder, der kurzzeitig Mitglied der CDU war, bereits im Jugendalter kennen und sah lange Zeit zu ihm auf. Die Überlegung von Roeder, eine „Superopposition“ mit der Sowjetunion aufzubauen, hatte großen Einfluss auf die später von Hepp vorgeschlagene „nationale Superopposition“ zwischen RAF, RZ, der DDR und der HKG. Bei Feierlichkeiten in einem bundesweit bekannten rechten Zentrum in Mainz-Gonsenheim lernten sich Odfried Hepp und Walther Kexel kurz vor Weihnachten 1981 kennen und verstanden sich auf Anhieb bestens. Hepp und Kexel begannen daraufhin mit der Konzeption einer eigenen Gruppe und entwickelten erste Konzeptideen eines praktischen „antiimperialistischen Befreiungskampfes“. Die immer wiederkehrenden Enttäuschungen im neonazistischen Milieu, besonders der Verrat untereinander und die hemmungslose Vergötterung der Figur Hitlers in verschiedenen rechtsradikalen Strömungen, führten bei Hepp und Kexel zu einer ideologischen Umorientierung in Richtung Antiimperialismus und positiver DDR-Rezeption. Nach einem ersten Banküberfall im April 1982 gründeten Hepp und Kexel während eines gemeinsamen Urlaubs in Italien die bis zu ihrer Enttarnung namenlose Gruppe, die im Herbst 1982 sechs Personen umfasste.

Programmatisches Konzeptpapier „Abschied vom Hitlerismus“

Kurz nach dem Kennenlernen und bereits vor dem ersten gemeinsamen Banküberfall bemerkten Hepp und Kexel, dass sie ideologisch ähnliche, von den meisten anderen militanten rechten Gewaltgruppen abweichende Ansichten teilten. Ein zentrales Ideologem im Weltbild beider Akteure war ein radikaler Antiamerikanismus, der nicht nur den Kern des veröffentlichten Manifestes ausmachte, sondern auch das Fundament der später gemeinsam durchgeführten Anschläge darstellte. Zum Zeitpunkt, als Walther Kexel das Manifest „Abschied vom Hitlerismus“ schrieb, hegten beide noch keine dezidierten Anschlagsplanungen gegen US-Truppenangehörige. Der „Abschied vom Hitlerismus“ enthielt dementsprechend keine Überlegungen zu Formen der Gewaltanwendung, sondern sollte in einem ersten Schritt das Angebot von Hepp und Kexel zur Bildung einer antiimperialistischen Querfront im Rhein-Main-Gebiet bekannt machen. Walther Kexel schrieb und Odfried Hepp lektorierte den Text. Inhaltlich lässt sich das Konzeptpapier „Abschied vom Hitlerismus“, das von Hepp und Kexel auf den 30. Juni 1982 datiert wurde, grob in drei Schwerpunkte einteilen:

- Eine scharfe Kritik an allen Erscheinungsformen des „Hitlerismus“ sowie bürgerlicher Repräsentationen des Nationalismus, inklusive der umfassenden Ablehnung einer als religiös-fetischisiert empfundenen Aufladung der NS-Zeit und ihrer führenden Vertreter.

- Eine Rückbesinnung auf „nationalrevolutionäre Kräfte“ der frühen NS-Bewegung wie Otto und Gregor Strasser, Walther Stennes und Ernst Röhm. Diese hätten Hitler, so Hepp und Kexel, zeitnah als Problem entlarvt und Widerstand gegen ihn und seine Elite geleistet.

- Eine Verortung der eigenen Ideologie im Denken und Wirken von Ernst Niekisch, der erkannt habe, dass der eigentliche Feind nicht der „russische Bolschewismus“, sondern der „westlich-bürgerliche Kapitalismus“ sei.

Für Hepp und Kexel bildete damit der Antiimperialismus eine potenzielle ideologische Brücke hin zu einer bewaffneten Strategie in Westeuropa. Die RAF hatte 1982 im sogenannten Mai-Papier „Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front“ geschrieben:

Es hat in den letzten zwei Jahren eine Menge Flugblätter und Aktionen mit der Parole ‚Eine Front mit der RAF‘ gegeben, und wir wissen, daß das Bedürfnis und die Bereitschaft dazu durch alle politisierten Bereiche geht. Aber zwischen dem, was in Bedürfnis, Bereitschaft, Anfängen potentiell an Front existiert, und dessen Realisierung in Entwicklungsprozeß, Organisierung, Bewegung ist immer noch eine enorme Diskrepanz.

Von diesen Worten fühlten sich Hepp und Kexel direkt angesprochen. Hepp und Kexel bewunderten die Aktionen der RAF gegen das US-Militär und waren vom klandestinen Vorgehen der Revolutionären Zellen begeistert. Der Glaube, dass die Feinde des eigenen Feindes Freunde seien, wirkte nachhaltig auf die Konzeption einer imaginierten antiimperialistischen Querfront zur Bekämpfung der stationierten US-Truppen in der Bundesrepublik Deutschland. Die vereinende Losung für die gemeinsame Querfrontstrategie mit der RAF und den Revolutionären Zellen formulierten Hepp und Kexel am Ende des Textes „Abschied vom Hitlerismus“ im Duktus linker Gewaltgruppen: „Vorwärts im antiimperialistischen Befreiungskampf“.

Ab diesem Zeitpunkt begann die Gruppe auf der einen Seite durch Banküberfälle eine klandestine bewaffnete Struktur zum Kampf gegen das US-Militär und auf der anderen Seite eine legale Ebene für Propaganda aufzubauen. Mehr dazu erfahren Sie im Herbst dieses Jahres in einem Themenmonat zur „Hepp-Kexel-Gruppe“.

Bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung können u. a. folgende Publikationen zum Thema bestellt werden: