
Stresstest für die Demokratie
Während die Kriegsgeneration Anfang der 1960er Jahre im Schweigen verharrt, gehen ihre inzwischen erwachsenen Kinder auf die Straße. Mit Demonstrationen gegen überkommene Hochschulstrukturen, gegen den Vietnamkrieg und die geplanten Notstandsgesetze testen vor allem Studierende die Verbindlichkeit der demokratischen Grundrechte. Frankfurt ist eine Hochburg des Protests.

Wogegen protestiert wird
Zum Beispiel gegen den Vietnamkrieg: Nachdem die USA im März 1965 offen in den Krieg zwischen Nord- und Südvietnam eingegriffen haben, solidarisieren sich auch in Hessen viele Menschen mit den weltweiten Protesten für einen Friedensschluss. Es kommt zu Aktionen im Frankfurter Amerikahaus, zu Kundgebungen bei deutschamerikanischen Freundschaftsveranstaltungen oder vor Geschäften, die noch für die US-Besatzer eingerichtet worden waren.

Zwischen Protest und Provokation
Nach einer Kundgebung mit rund 150 Teilnehmern gegen den Vietnamkrieg auf dem Frankfurter Opernplatz im Februar 1967 ziehen Demonstranten unangemeldet weiter zum US-Generalkonsulat in der Nähe des Palmengartens. Dort wird die Gruppe von einer berittenen Polizeistaffel auseinandergetrieben. Als Grund, so berichtet das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, nennt die Polizei ein Flugblatt sogenannter „Provokateure“, in dem es hieß: „(…) Wir laufen vom Opernplatz zum amerikanischen Konsulat (…) Diesen Zettel auswendig lernen – vernichten!“

Protestzentrum Frankfurt
Kern der Außerparlamentarischen Opposition (APO) wird Mitte der 1960er Jahre der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), der einstige Hochschulverband der SPD, von dem die Partei sich 1961 wegen unvereinbarer Ziele getrennt hatte. Die Tatsache, dass der SDS-Bundesvorstand sein Büro in Frankfurt hat, macht die Mainmetropole neben Berlin zum Zentrum der deutschen Studentenproteste. Zahlreiche Kongresse und Zusammenkünfte finden hier statt. Rudi Dutschke, Kopf der Berliner Studentenbewegung, ist oft mit dabei, schon seinen ersten weithin beachteten Auftritt hat er 1966 auf der Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt.
Zu den Köpfen des Frankfurter SDS gehören die Brüder Frank und Karl-Dietrich (KD) Wolff, außerdem Daniel Cohn-Bendit, der im Mai 1968 zum Sprecher der Pariser Studierenden geworden war und dann nach Unruhen aus Frankreich ausgewiesen worden ist. Bereits 1964 dem SDS beigetreten ist Hans-Jürgen Krahl, der am Institut für Sozialforschung bei Theodor W. Adorno promoviert, sich jedoch später mit Adorno überwirft. Auf dem Weg zu einer SDS-Versammlung kommt der Aktivist mit 27 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben.
Erst Rebellen, dann Größen in Kultur und Politik
Die Brüder Karl-Dietrich und Frank Wolff gehören zu den zentralen Köpfen der Frankfurter Studentenbewegung und ihrer zentralen Organisation, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). 1968 stößt Daniel Cohn-Bendit zu den studentischen Aktivisten in Frankfurt, und auch Joschka Fischer findet Anschluss an den SDS. Nach der Auflösung des SDS (1970) und der Studentenbewegung starten diese vier wie etliche der Studentenrebellen eine zweite Karriere in Kultur und Politik. Dort agieren sie auch weiterhin umtriebig, kreativ und engagiert für die demokratische Gesellschaft.
Der Vater von KD und Frank Wolff war Jurist und Nationalsozialist und nach dem Krieg zunächst mit einem Berufsverbot belegt. Wenn die Söhne mit ihm über seine Vergangenheit streiten wollen, schweigt er. In seiner Geburtsstadt Marburg legt sich KD Wolff als Jurastudent mit seinem Professor, dem ehemaligen NS-Militärrichter Erich Schwinge, an. Und hängt später das Rechtsstudium an den Nagel. Als Vorsitzender des SDS wird KD zu einem zentralen Akteur der Studentenproteste in Frankfurt. Er kämpft gegen den Vietnamkrieg und gegen das Schweigen über die NS-Vergangenheit. Fast 40 Strafverfahren werden gegen ihn eröffnet, doch er bleibt straffrei. Nach der Auflösung des SDS wird KD Wolff zu einem außergewöhnlichen Verleger in Deutschland. 1970 gründet er in Frankfurt den linken Verlag „Roter Stern“, mit seinem zweiten Verlag Stroemfeld gibt er deutsche Klassiker heraus, unter anderem hochgelobte Gesamtausgaben von Friedrich Hölderlin, Heinrich Kleist, Franz Kafka und Gottfried Keller. 2009 erhält er das Bundesverdienstkreuz. KDs jüngerer Bruder Frank, der stellvertretender Bundesvorsitzender des SDS war, macht nach der Widerstandszeit international Karriere als Cellist. Die alten und die neuen Zeiten verband er unter anderem mit einem CrossoverProgramm von Jimi Hendrix bis Bach. 2007 erhält Frank Wolff die Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main.
Daniel Cohn-Bendit, geboren und aufgewachsen in Frankreich, engagiert sich ab 1967 in der französischen Studentenbewegung. Nach Unruhen in Nanterre und Paris wird er aus Frankreich ausgewiesen. Er geht nach Frankfurt am Main – als 14-Jähriger hatte der zeitweise staatenlose Sohn einer jüdischen Familie die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen –, schreibt sich offiziell an der Goethe-Uni ein und wird Aktivist in der Frankfurter Studentenbewegung. Mit dem SDS-Vorsitzenden KD Wolff hatte Cohn-Bendit schon in der Pariser Protestzeit zusammengearbeitet. In den 1970er Jahren gehört er mit Joschka Fischer zur Sponti-Szene (Gruppen linksgerichteter Politik) in Frankfurt am Main und gibt das Stadtmagazin Pflasterstrand heraus. Wie Fischer engagiert sich Cohn-Bendit von Parteigründung an bei den hessischen Grünen, von 1994 bis 2014 sitzt er für die Grünen im Europäischen Parlament.
Auch Joschka Fischer führt in der Frankfurter Sponti-Szene das Gedankengut der Studentenbewegung fort. 1968 war er nach Frankfurt gekommen und in die linke Studentenszene eingetaucht. Gut befreundet mit Daniel Cohn-Bendit wird er dann in der Frankfurter Sponti-Szene aktiv, unter anderem Anfang der 1970er Jahre im Häuserkampf im Frankfurter Westend, wo es um den Erhalt eines im Zweiten Weltkrieg weitgehend unzerstörten Wohnviertels geht. Zum Hintergrund: Etliche der alten Villen sollten nach dem Plan von Investoren abgerissen und durch Bürohochhäuser ersetzt werden, ihre Bewohner hätten die Häuser verlassen müssen. Aus Protest dagegen werden die Häuser besetzt. Viele der Gründerzeitvillen können gerettet werden. Viele ihrer Bewohner müssen dennoch ausziehen, weil Büros zu zahlungskräftigeren Mietern werden.
1982 tritt Fischer in die Partei „Die Grünen“ ein. Der weitere politische Werdegang des Joschka Fischer ist bekannt: 1985 wird er Umweltminister in der bundesweit ersten rot-grünen Koalition in Hessen – legendär das Foto seiner Vereidigung, bei der Fischer in Jeans und weißen Turnschuhen vor Hessens Ministerpräsident Holger Börner steht. Nach weiteren Ämtern auf Landesebene wechselt Fischer in die Bundespolitik und wird 1998 im Kabinett von SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder Vizekanzler und Außenminister.

Unter den Talaren
Ein Foto wird zur Ikone der Studentenbewegung: Als das Rektorat der Universität Hamburg zum Amtswechsel 1967 im mittelalterlichen Talar erscheint, entrollen zwei Studenten ein Banner mit der Aufschrift „Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren“. Die Parole darauf bringt auf den Punkt, was die Studierenden der Gesellschaft als „Bildungskatastrophe“ vorwerfen. Die Lehrmethoden der Universität sind veraltet, die Lehrinhalte verstaubt, das Lehrpersonal durchsetzt mit Professoren, die den Nationalsozialismus – das „Tausendjährige Reich“ –– unterstützt haben.
Gegen „zementierte Herrschaft“ : Die Revolution der 68er Frauen
Beim Frankfurter SDS-Bundeskongress im September 1968 spricht Hans-Jürgen Krahl, der sich gern als bestimmender Kopf der Bewegung in Szene setzt, gerade ins Mikrofon, als ihm plötzlich Tomaten um die Ohren fliegen, eine trifft ihn am Kopf. Abgefeuert hat die Tomaten seine Mitaktivistin Sigrid Rüger – als Demonstration in eigener Sache. Denn der Kampf für gleiche Rechte gilt den 68er-Männern nichts in der 68er-Bewegung selbst. Frauen sind ok, lautet die einmütige Haltung, aber am besten als Zuarbeiterinnen in der zweiten Reihe oder als attraktive Begleitung. Ein weibliches SDS-Mitglied bringt es im Rückblick auf den Punkt: „Während die Jungs ihre Weltrevolution machten, hatten die Mädels die Klappe zu halten.“
Bester Beleg für das frauenausgrenzende Verhalten der Aktivisten ist die Situation, die dem erwähnten Tomatenwurf vorausgegangen ist. Zuerst hat nämlich Helke Sander gesprochen beim SDS-Bundeskongress. Die Berliner Filmstudentin und Mitgründerin des Berliner „Aktionsrats zur Befreiung der Frauen“ macht die Ungleichheit von Männern und Frauen in der Studentenbewegung zum Thema und wirft den SDS-Männern vor, die Diskriminierung bewusst zu verdrängen. Die Männer aber hören gar nicht zu, und Hans-Jürgen Krahl geht direkt nach der engagierten Rede am Mikro zum nächsten Tagungspunkt über. Bis dann die Tomaten fliegen.
Danach stellen sich die 68er Frauen auf eigene Beine. Sie hatten die männlichen Protestler „als Träger zementierter Herrschaft“ erlebt, wie es in der aktivistischen Politsprache hieß, kein Gehör für ihre Anliegen gefunden und den Glauben an eine gemeinsame Studentenbewegung verloren. Der Wandel der Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen, so die Erkenntnis, kann nur in eigener Regie betrieben werden. Nach dem Berliner Vorbild gründet sich im Herbst 1968 auch in Frankfurt ein „Weiberrat“. Mit dabei ist Silvia Bovenschen, Studentin der Literaturwissenschaft, Soziologie und Philosophie. Sie wird später zu einer einflussreichen Vertreterin der Feministischen Literaturwissenschaft und Autorin. Mit den bundesweit entstehenden Weiberräte und Frauengruppen, in denen außer Studentinnen auch Hausfrauen oder Lehrerinnen mitwirken, entsteht zu Beginn der 1970er Jahre die sogenannte Neue Frauenbewegung.

Monika Seifert gründet die antiautoritären Kinderläden
Bereits 1967 gründet Monika Seifert die „Frankfurter Kinderschule“, den ersten antiautoritären Kindergarten in Deutschland. Die Pädagogin und Soziologin lehnt die traditionellen Kindergärten ab, zu deren Erziehungszielen der unbedingte kindliche Gehorsam gegenüber Erwachsenen – die sich als Autoritäten verstehen – gehört. Seifert hingegen schaut auf das Kind selbst. Zu ihren Ideen einer antiautoritären Erziehung innerhalb einer Kindereinrichtung gehören eine Eingewöhnungsphase, Lernen durch Angebot und Umgebung und der Blick auf die Bedürfnisse der Kleinen. Auch die Kindergarten-Übernachtung hat sie „erfunden“. Monika Seifert, Tochter der beiden Ärzte und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich und Melitta Behr, studierte Soziologie bei Theodor W. Adorno, und absolvierte später ein Studium der Psychoanalyse in London. Seiferts pädagogisches Konzept, das zum Vorbild der 1968 so genannten bundesweiten Kinderladenbewegung wurde, ist heute Standard in der Kinderbetreuung.
Schüsse, Steine, Wasserwerfer
1968 erreicht die Studentenbewegung ihren Höhepunkt. Nach dem Attentat eines Neonazis auf Rudi Dutschke kommt es bundesweit zu den sogenannten Osterunruhen. Bei Demonstrationen und Straßenschlachten fliegen Steine und Brandsätze, die Polizei setzt Schlagstöcke, Wasserwerfer und Panzerwagen ein.
„Haut dem Springer auf die Finger“
Das Attentat auf den Berliner Studentenführer Rudi Dutschke am Gründonnerstag, 11. April 1968, löst die schwersten Straßenunruhen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland aus. Mit Schlachtrufen wie „Enteignet Springer“ und „Haut dem Springer auf die Finger“ gilt ein Teil der Proteste dem Springer-Konzern und seinen vielgelesenen Tageszeitungen „Die Welt“ und „Bild“. Der Vorwurf: Die Springer-Presse, vor allem Bild führt eine Hetzkampagne gegen Studenten und „Linke“ und sei deshalb mit Schuld an den Schüssen auf Dutschke.
Heftige Straßenschlacht in Frankfurt
In Frankfurt, wo über Ostern weit über 10.000 Menschen ihrem Entsetzen über das Attentat Luft machen, ziehen Karfreitag bis zu 3.000 Menschen zur Societätsdruckerei im Stadtteil Gallus, wo neben der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) auch die Bild-Zeitung gedruckt wird. Am Haupttor wollen sie die Auslieferung des Springer-Blattes verhindern. Als die Polizei die Versammlung räumt, kommt es zu offener Aggression auf beiden Seiten. Im Landesgeschichtlichen Informationssystem (Lagis) Hessen heißt es dazu:
„Unter Sprechchören wie ‚Springer-Mörder‘ stechen sie [die Demonstranten, Anm. d. Redaktion] Verlagsfahrzeugen die Reifen durch. Die Polizei hat das Verlagsgelände an der Mainzer Landstraße mit Stacheldraht abgesperrt und setzt Wasserwerfer ein. Demonstrant*innen versuchen, die Wasserwerfer mit eisernen ‚Krähenfüßen‘ zu stoppen. Es fliegen Steine und Flaschen. Die Verlagsausfahrten sind durch umgekippte Müllcontainer und Baustellenfahrzeuge blockiert. Der Polizei gelingt es jedoch, die Auslieferung der Zeitung zu sichern. Beim Einsatz gegen Demonstrant*innen kommt es zu Übergriffen der Polizei, deren offensichtlich überforderte Beamten auch auf Demonstrant*innen einschlagen, die schon am Boden liegen. Zur Bilanz der Osterunruhen zählen Hunderte von Verletzten und großer Sachschaden. Fünf Jahre später wird ein SDS-Mitglied verurteilt, der Druckerei 30.000 DM Schadenersatz zu zahlen.“



