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Startschuss für ein dreiviertel Jahrhundert Demokratie in Hessen

Blick in die „Küche“ der Demokratie Deutschlands und in die „Krabbelstube der Demokratie“ im neu gegründeten Bundesland Hessen 

Geschichte vollzieht sich keineswegs in den Intervallen von zu feiernden Jubiläen. Manche Jubiläen mögen gesetzt sein, manche ergeben sich aus einer plötzlichen Veränderung des Alltagsgeschehens heraus bei der Suche nach Ursachen für diese Veränderung. Wiederum andere Jubiläen dienen einzig als Machtdemonstration der Herrschenden. So sei hier nur beispielhaft auf die einst stattfindenden jährlichen Feierlichkeiten zum Ausbruch der Oktoberrevolution in Russland verwiesen.  
Dennoch bieten Jubiläen eine gute Gelegenheit, im Rahmen europäischer Erinnerungskultur wichtigen Ereignissen zu gedenken, oder in Vergessenheit geratene Weichenstellungen der Geschichte neu in den Fokus der Betrachtung zu stellen. Deutsche Geschichte direkt nach 1945 war bezogen auf den Einzelnen eine Geschichte des Zusammenbruchs, der Besatzung, der Kriegsgefangenschaft, des beginnenden Kalten Krieges, der Flucht und Vertreibung, der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Entnazifizierung, des Hungers und des Schwarzmarkts, und zu guter Letzt eine Geschichte des Neuanfangs.

2023 wird das Dreivierteljahrhundert-Jubiläum der Grundlegung der bundesdeutschen Nachkriegsdemokratie begangen. Vor 75 Jahren wusste niemand, ob auf diesen frisch gesetzten Fundamenten sich eine freiheitlich-demokratische Grundordnung würde fest verankern können. Das Grundgesetz mag in den Köpfen Vieler sich erst langsam entwickelt haben. Die Fundamentlegung von 1947/48 erwies sich über die folgenden Jahrzehnte als stabil und belastungsresistent.
Unter der Kanzlerschaft Angela Merkels (CDU) wurde 2021 die Bundesstiftung „Orte der deutschen Demokratiegeschichte“ ins Leben gerufen. Sie hat ihren Sitz in der Stadt des 1848er Paulskirchenparlaments, in Frankfurt am Main, der großen hessischen Metropole.    
 

Das 75-Jahr-Jubiläum schlägt 2023 als „Demokratie-Grundlegungs-Marathon“ für das Bundesland Hessen und Sitz der neuen Bundesstiftung kräftig zu. 

Die Ouvertüre für den Gedenkmarathon beginnt bereits in 2022 mit zwei Jubiläen:

25.6.1947
Der am 1.1. geschaffene Wirtschaftsrat der Bizone konstituiert sich in Frankfurt und wählt den hessischen Politiker Dr. Erich Köhler (CDU) zu seinem Präsidenten. Der gebürtige Erfurter und nach 1945 erster Hauptgeschäftsführer der IHK Wiesbaden wurde später erster Bundestagspräsident. 

12.12.1947
In Wiesbaden wird der für Verfassungsklagen vorgesehene Hessische Staatsgerichtshof eingerichtet.

1948

2.3.1948
Der im Vorjahr gebildete Bizonale Wirtschaftsrat in Frankfurt wählt seine Verwaltungsdirektoren, darunter Ludwig Erhard (CDU)​​​​​​​. 

21.04.1948
Beginn des „Konklaves von Rothwesten“ bei Fuldatal zur Vorbereitung der Währungsreform.

18.5.1948
In der wiederaufgebauten Frankfurter Paulskirche wird der 100. Jahrestag der ersten deutschen Nationalversammlung gefeiert.

20.6.1948
Mit der Währungsreform wird auch in Hessen die Deutsche Mark als neues Zahlungsmittel eingeführt.

26.6.1948
In Frankfurt beginnen die Flüge der alliierten Luftbrücke zur Versorgung der von der Sowjetunion blockierten Westzonen der Vier-Sektoren-Stadt Berlin. Auf dem Frankfurter Flughafen steht seit 1985 eine Kopie des Berliner Luftbrückendenkmals.

1.7.1948
IG-Farben-Haus: Die von den Militärgouverneuren der Westzonen übergebenen Frankfurter Dokumente schaffen die Voraussetzung für die Bildung einer westdeutschen Bundesrepublik.

1.9.1948
Der hessische Ministerpräsident Christian Stock (SPD) eröffnet in Bonn die Beratungen des Parlamentarischen Rates. Der Darmstädter Stock, nach der Volksschule den Beruf eines Zigarrenarbeiters ausübend, war der erste gewählte Ministerpräsident von Hessen. In seiner Regierungszeit bis 1950 drehte sich alles um den Aufbau der Demokratie in Hessen und um die wirtschaftlichen Lebensgrundlagen der hessischen Bürgerinnen und Bürger einschließlich der Linderung der Nöte der Hunderttausende Heimatvertriebene und Flüchtlinge. Als Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz war der Sozialdemokrat eng in die Gründung der Bundesrepublik Deutschland eingebunden. 

11.12.1948
Im südhessischen Heppenheim schließen sich die liberalen Parteien der drei Westzonen zur Freien Demokratischen Partei (FDP) zusammen.