2. Juni 1920: 100. Geburtstag Marcel Reich-Ranicki

„Und so sehen wir betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Er galt als einflussreichster und gefürchtetster deutschsprachiger Literaturkritiker. Reich-Ranicki war weder Politiker, noch verstand er sich als politischer Bildner. Als freier Denker und von allen Scheuklappen befreiter, keineswegs unpolitischer Kritiker ist er dennoch ein Impulsgeber der Politischen Bildung. Denn er hatte einen Standpunkt, vertrat diesen mit der ihm eigenen Überzeugungskraft, und ging dabei der mit Emotion angereicherten Debatte nicht aus dem Weg. Reich-Ranicki war eine streitbare Wegmarke, an der man seine eigene Einstellung reiben und neu ausrichten konnte. Solche Persönlichkeiten braucht eine funktionierende Demokratie.

Marcel Reich-Ranicki bei der TV-Sendung Literatur im Foyer im Mainzer SWR-Funkhaus
Foto: Smalltown Boy / CC BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)
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Marcel Reich wurde am 2. Juni 1920 im polnischen Wloclawek an der Weichsel als Kind einer deutschen Jüdin (Helene Reich, geb. Auerbach) und eines polnischen Juden (David Reich) geboren. Berufsbedingt musste die Familie 1929 nach Berlin umziehen. Kurz nach seinem Abitur 1938 wurde er verhaftet und nach Warschau deportiert. 1940 musste er ins Warschauer Getto. Dort war er als Übersetzer im Judenrat tätig. 1941 wurde er Mitarbeiter des Getto-Untergrundarchivs (Ringelblum-Archiv). Nach Widerstandsaktivitäten gelang es ihm, im Februar 1943 zusammen mit seiner Frau Teofila aus dem Getto zu fliehen und im polnischen Untergrund unterzutauchen. Seine Eltern waren zu dieser Zeit bereits in Treblinka 1942 umgebracht worden. Sein Bruder wurde Ende 1943 im Zwangsarbeitslager Trawniki erschossen. Nach der Befreiung Polens durch die Rote Armee im September 1944 arbeiteten Reich-Ranicki und seine Frau für die polnische Armee in der Postzensur. 1946 wurde er Mitglied der Polnischen Militärmission (Berlin), 1947 war er für den Auslandsnachrichtendienst (Geheimdienst) und für das Außenministerium tätig. 1948/1949 leitete er als Konsul das polnische Generalkonsulat in London. Dabei nahm er den Namen „Ranicki“ an: Marcel Ranicki. Ende 1949 gab er sein Amt aus politischen Gründen auf, wurde fristlos aus dem Auswärtigen Dienst entlassen, aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und für einige Wochen inhaftiert.

Seine Karriere als „Literatur-Papst“ begann 1950, als er Lektor für deutsche Literatur beim Warschauer Verlag (polnisches Verteidigungsministerium) und 1951 freier Publizist in Polen wurde. Er befasste sich fortan mit der deutschen Literatur der Gegenwart und der Vergangenheit und schrieb zahlreiche Rezensionen, Essays und Kritiken. 1958 hielt er sich zu Recherchen in Frankfurt a.M. auf und kehrte nicht mehr in seine Heimat nach Polen zurück. Dies lag vor allem auch daran, dass er in den Jahren zuvor zeitweise nur unter Pseudonym (M. R.) in Polen veröffentlichen durfte und sich in seiner Meinungsfreiheit stark eingeschränkt fühlte. 1959 zog er von Frankfurt nach Hamburg (bis 1973), wo er als Literaturkritiker u.a. für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Die ZEIT, Die WELT und mehrere Rundfunksender tätig war. Seit 1973 wohnte er wieder in Frankfurt und übernahm bei der FAZ bis 1988 die Leitung der Redaktion für Literatur und literarisches Leben.

Deutschlandweit bekannt wurde Marcel Reich-Ranicki ab 1988 durch „Das Literarische Quartett“ im ZDF (bis 2001) mit ihm als Frontmann. Das neue Format wurde eine der erfolgreichsten Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Seine Kritiken waren dabei gefürchtet, seine Analysen messerscharf und seine Urteile manchmal vernichtend. Sein Credo lautete: „Man muss übertreiben, um verstanden zu werden.“ Dazu äußerte er sich in einem Interview 2009: „Ohne Übertreibung geht’s nicht. (…) Ja, das ist ein Erfolgsgeheimnis. Natürlich. Das ist Kritik. Sonst ist es keine. Und nur so wird Literaturkritik auch in Zukunft eine Rolle spielen, in Zeitungen oder in diesem Internet. Ich habe Polgar, Kerr, Tucholsky gelesen. Die sind alle Übertreiber. Das ist meine Schule.“

Marcel Reich-Ranicki, waehrend der Boerne-Preis-Feier, 2007 in Frankfurt am Main
Foto: I, Dontworry / CC BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)
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Neben seiner journalistischen Tätigkeit publizierte Reich-Ranicki zahlreiche Bücher, Sammelbände etc. u.a. „Aus der Geschichte der deutschen Literatur 1871-1954“ (1955), „Auch dort erzählt Deutschland“ (1960), „Lauter Verrisse“ (1992), „Der Kanon: Die deutsche Literatur. Romane“ (2002), „Über Amerikaner“ (2004), „Thomas Mann und die Seinen“ (2007) oder „Meine deutsche Literatur seit 1945“ (2017). Seine Autobiographie „Mein Leben“ erschien 1999 und belegte monatelang Platz 1 auf der Bestsellerliste.
Begleitet wurde seine Arbeit als Literaturkritiker ab Ende der 1960er Jahre durch zahlreiche Gastprofessoren u.a. an den Universitäten in St. Louis, Stockholm, Köln, Tübingen, Düsseldorf und Karlsruhe.

Reich-Ranicki erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Ehrendoktorwürden der Universität Tübingen (2002), der Freien Universität Berlin (2006), der Universität Tel Aviv (2006) und der Humboldt-Universität Berlin (2007), den Europäischen Kulturpreis (2004), den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen (2005) und den Henri-Nannen-Preis (2008). Im Oktober 2008 lehnte er den Deutschen Fernsehpreis ab, was zu einer öffentlichen Debatte über die Qualität des Fernsehens führte.

Seine Frau Teofila starb am 29. April 2011, Marcel Reich-Ranicki am 18. September 2013 mit 93 Jahren.

Zum Thema „Heimat“ können bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung folgende Publikationen bestellt werden:

Nora Krug: Heimat – ein deutsches Familienalbum

Markus Decker: Zweite Heimat. Westdeutsche im Osten

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