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Die „Frankfurter Küche“ kam von einer Wienerin: 23. Januar 1897: 125. Geburtstag von Margarete Schütte-Lihotzky

Große internationale Bekanntheit erwarb sich die erste Architektin Österreichs durch ihre „Frankfurter Küche“, die zur Grundlage der modernen Einbauküche wurde. Mit dem Satz „Ich bin keine Küche“ setzte sich Schütte-Lihotzky allerdings zur Wehr, wenn sie auf diese weit über den deutschen Raum hinauswirkende Erfindung als „Mutter der modernen Einbauküche“ reduziert wurde, zumal die Frankfurter Küche noch deutlich auf die Frau als „Hüterin des Herdes und Köchin der Familie“ zugeschnitten war. Berühmt wurde die Architektin und Stadtplanerin für eine Leistung, für die sie wenig Vorleistung mitbrachte, denn bis dahin hatte sie fast nie gekocht. „Hätte ich gewusst, dass ich ein Leben lang über diese verdammte Küche sprechen muss, dann hätte ich sie nie gebaut.“

Form folgt der Funktion

Schütte-Lihotzky war keine Form-Revolutionärin. Allerdings prägte sie die bekannte Formel der Moderne mit: Form folgt der Funktion. Und diese Programmatik erfüllte sie mit Inhalt. Für die streitbare Frau galt das Leben, das soziale Miteinander, das alle Menschen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben lässt, als Funktion, dem das Bauen, das von Städten, Häusern, Wohnungen als notwendige Form zuarbeiten sollte. Heute sieht die moderne Einbauküche anders aus, aber das Prinzip des Einbauens ist dasselbe.


Großbürgerlich familiäre Prägung

Lihotzky wuchs in der Hauptstadt der Habsburger Donaumonarchie in einer Familie auf, die man als gutbürgerlich bezeichnen muss, wobei das für Wien immer mit einem Schmäh verknüpft ist, kommt doch jeder „echte Wiener“ eigentlich aus einem der sogenannten Kronländer des Habsburgerreiches. Denn 1897, als Margarete geboren wurde, existierte ja noch die Doppelmonarchie, die mit der Bukowina das östlichste Kronland besaß, wo ihr Großvater Gustav Lihotzky Bürgermeister der Hauptstadt Czernowitz war. Und wie alle, die sich für die Krone und das Volk mühten, ging er in die Reichshauptstadt und wurde sogar Hofrat im k.k. Justizministerium in Wien.

Grete, wie sie gerufen wurde, kam am 23. Januar 1897 in Wien-Margareten als zweite Tochter des liberalen Staatsbeamten Erwin Lihotzky zur Welt.
Sie hatte eine gehörige Portion Selbstbewusstsein von zu Hause mitbekommen, vom relativ früh verstorbenen Vater wie auch von ihrer Mutter, die frauenbewegt und sozial eingestellt ihrer Tochter ein Vorbild und kein Hemmnis war. Mutter Julie war eine geborene Bode, verwandt mit dem Kunst- und Museumsexperten Wilhelm von Bode. Denn unter anderen Bedingungen hätte sie nicht als erste Frau in Österreich Architektur studiert, sich mal mit, mal gegen den avantgardistischen Wiener Architekten Adolf Loos auch in Wien durchgesetzt, denn sie war die erste Frau, die als Architektin auch arbeiten durfte.

Berufliche Stationen

Bereits während ihres Studiums der Architektur und Baukonstruktionslehre von 1915 bis 1919 an der Wiener k. k. Kunstgewerbeschule gewann sie den ersten Preis für ihren Entwurf einer Arbeiterwohnung. Nach Abschluss ihres Architekturstudiums arbeitete sie gemeinsam mit besagtem Adolf Loos für die Siedlung Friedensstadt am Lainzer Tiergarten. Sie beschäftigte sich mit Fragen des Wohnens und der Rationalisierung der Hauswirtschaft. Zur Behebung der im Ersten Weltkrieg entstandenen Wohnungsnot entwarf sie den Prototyp der „Siedlerhütte“, einen aus Holz gefertigten Würfel mit 4,5 Metern Seitenlänge für mittellose Flüchtlinge und obdachlose Arbeiter. Zwar nur mit geringem Wohnkomfort ausgestattet, konnten darin doch alle notwendigen Einrichtungsstücke untergebracht werden. 

Bis 1923 entwickelte Lihotzky 20 Varianten, mit denen die schnell errichteten Siedlerhütten zu vollwertigen „Kernhäusern" verändert werden konnten, ohne stark umgebaut oder abgerissen werden zu müssen. Als „Kernhaus“ bezeichnete Lihotzky ein Haus, das von seinem innersten Kern her, von der Haushaltführung und den Lebensgewohnheiten der Bewohner, nach außen, zur Fassade gedacht werden müsse. Mit Publikationen, Vorträgen und eigener Beratungstätigkeit stellte sie ihr Konzept des optimierten Wohnens auf kleinem Raum vor.
1926 wechselte Lihotzky nach vom „roten Wien“ nach Frankfurt am Main. Der Leiter des Hochbauamts, Ernst May, engagierte sie für die Typisierungsabteilung, in der sie mit Neuerungen für Kindergärten, Wäschereien und Wohnungen für alleinstehende und berufstätige Frauen hervortrat. In diesem Kontext entwickelte sie die nur 6,5 Quadratmeter große, zeit- und platzsparende „Frankfurter Küche“. Sie konzipierte und designte sie als kompaktes Modulsystem, bei dem alle wichtigen Komponenten einer Küche berücksichtigt wurden. Damit schuf sie einen „perfekt durchdachten Arbeitsplatz, der auf kleinstem Raum größten Komfort bot und mehr Zeit für das Familienleben schaffen sollte.“ (Melanie Jahreis) Die preiswerte und funktionale Küche wurde in den Frankfurter Siedlungen in verschiedenen Varianten über 12.000 Mal eingebaut. In Wien war Lihotzky gleichzeitig aber noch weiter an einigen Gemeinschaftsprojekten und an der Werkbundsiedlung beteiligt.
Als May 1930 das Angebot annahm, in Moskau, der Hauptstadt der kommunistischen Sowjetunion, Arbeitersiedlungen, Schulen und Kindergärten zu planen, gehörte Schütte-Lihotzky als einzige Frau der Frankfurter Architektengruppe an. Als Leiterin der Abteilung für Kinderanstalten entwarf sie Krippen, Kindergärten und medizinische Einrichtungen. Mit ihrem Mann, dem deutschen Architekturkollegen Wilhelm Schütte, mit dem sie seit 1927 verheiratet war, blieb sie mit Unterbrechungen bis 1937 in der von Stalin regierten Sowjetunion. 1933 stellte sie ihre Arbeit bei der Weltausstellung in Chicago aus und 1934 unternahm sie Studien- und Vortragsreisen nach Japan und China. 
Nach Stationen in Paris und London siedelte das deutsche Architektenpaar im Herbst 1938 nach Istanbul über, wohin viele Europäer dieser Zeit Zuflucht vor dem Nationalsozialismus nahmen. An der dortigen „Akademie der Schönen Künste“ lehrten und entwarfen sie im Zuge des großen Alphabetisierungsprojekts der von Kemal Atatürk geführten Türkei Dorfschulen, teils auch in typisierter Form.

Opposition gegen den Nationalsozialismus

Ein Jahr nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich schloss sich Schütte-Lihotzky der Österreichischen Kommunistischen Partei (KPÖ) an. Als sie an Weihnachten 1940 von Istanbul nach Wien fuhr, um sich am dortigen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu beteiligen, wurde sie im Januar 1941 verhaftet und wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Ihrem Mann gelang es jedoch, dass die Todesstrafe 1942 zu einer Zuchthausstrafe umgewandelt wurde. Schütte-Lihotzky kam daraufhin in das Frauenzuchthaus Aichach in Bayern, wo sie schließlich Ende April 1945 von kanadischen Truppen befreit wurde. Für ein dreiviertel Jahr leitete sie zunächst in der bulgarischen Hauptstadt Sofia die Abteilung für Kinderanstalten in der Stadtbaudirektion. Zentrale Aspekte ihrer Kindergärten und Schulen waren effektive Grundrisse ohne lange Korridore und mit viel Licht. 
Erst 1947 kehrte das Ehepaar dauerhaft nach in die Vier-Besatzungssektorenstadt Wien zurück. Wien teilte in dieser Zeit das Berliner Schicksal. Doch als Kommunisten hatten sie in Zeiten des beginnenden Kalten Kriegs kaum öffentliche Aufträge. Zu nah war Wien am neuen Eisernen Vorhang, der Europa in eine freie und eine unfreie Welt teilte. Schütte-Lihotzky konnte lediglich 1950 und 1952 zwei Kindergärten in Wien realisieren. In ihnen setzte sie reformpädagogische Erkenntnisse wie Rückzugsnischen in Gruppenräumen um. International aber wurde ihre beratende Expertise sehr geschätzt, darunter in Kuba, der DDR und China. 1962 wurde sie Städtebauexpertin der UNO. Ihr Mann arbeitete, teils mit Schütte-Lihotzky zusammen, vor allem im Auftrag der KPÖ. 1951 war ihre Ehe jedoch gescheitert.

Später Ruhm

Schütte-Lihotzkys Engagement galt auch der überparteilichen Friedens- und Anti-Atombewegung. Außerdem setzte sie sich für die Gleichberechtigung der Frau ein und stellte die Emanzipation der Frau in den sozialistischen Zusammenhang einer gerechten Gesellschaft für alle. 1948 wurde sie erste Präsidentin des Bundes Demokratischer Frauen Österreichs und 1996 unterstützte sie das Frauenvolksbegehren zur Gleichstellung von Frauen und Männern im Bundesverfassungsgesetz. Bis zuletzt blieb sie an Fragen der Tagespolitik und der Zukunft des Wohnens interessiert. Zunächst kaum in ihrem eigenen Land gewürdigt, wurde sie jedoch seit Ende der 1970er-Jahren mit einer Vielzahl von Preisen und Ehrendoktoraten ausgezeichnet, u.a. 1980 mit dem Architekturpreis der Stadt Wien und 1988 mit dem Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, den sie jedoch erst 1992 annahm. Zum 100. Geburtstag 1997 erhielt sie den Ehrenring der Stadt Wien.
Sie starb am 18. Januar 2000 mit 102 Jahren. Ihre Wiener Wohnung wurde 2021 unter Denkmalschutz gestellt.

Bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung kann folgende Publikation zum Thema bestellt werden: