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24. Juni 1922: 100. Todestag Walther Rathenau

Erfolgreicher Wirtschaftsboss, Rüstungsmanager, Politiker, Sündenbock: Walther Rathenau polarisierte seine Zeitgenossen und erlebte Zeit seines Lebens Anfeindungen, teils antisemitischer Natur, von rechts und links. Er befürwortete den Ersten Weltkrieg, vertrat an seinem Ende einen „Siegerfrieden“ und beteiligte sich in der Nachkriegszeit an der Verständigung mit den Siegermächten. So unterzeichnete er für die deutsche Seite den deutsch-sowjetischen Vertrag von Rapallo im April 1922, der die frühe Außenpolitik der Weimarer Republik prägte. Seine politische Tätigkeit fand neben seiner Karriere als Industrieller und langjähriger Lenker der AEG statt und wurde immer wieder von ihr beeinflusst. Die Ermordung Rathenaus am 24. Juni 1922 durch zwei Offiziere der rechtsradikalen Organisation Consul löste im Reichstag heftige Tumulte aus. In allen größeren Städten brachten Zehntausende ihre Empörung zum Ausdruck. In Berlin protestierten über 400.000 Menschen gegen das Attentat und demonstrierten für die Weimarer Republik.

Herkunft und Ausbildung

Rathenau wurde am 29. September 1867 als ältester Sohn des jüdischen Industriellen Emil Rathenau und seiner Frau Mathilde in Berlin geboren. Sein Vater war 1883 Begründer der Deutschen Edison-Gesellschaft, die vier Jahre später in Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG) umbenannt wurde, seine Mutter entstammte der Mainzer Bankiersfamilie Nachmann. Zusammen mit seinen Geschwistern Erich und Edith wuchs Rathenau in großbürgerlichen Verhältnissen in Berlin auf. Er besuchte das Königliche Wilhelms-Gymnasium, wo er 1884 das Abitur machte. Er studierte in Berlin und Straßburg Philosophie, Physik und Chemie und promovierte zum Abschluss über das Thema „Die Absorption des Lichts in Metallen". 1889/1890 nahm er ein weiteres Studium in Maschinenbau an der Technischen Universität München auf. Rathenau folgte mit der Wahl seiner Studienfächer zwar den Vorstellungen seines Vaters, stand jedoch der väterlicherseits vorgezeichneten Karriere als Unternehmer ablehnend gegenüber. Sein Wunsch, nach seiner Zeit als Einjährig-Freiwilliger beim preußischen Garde-Kürassier-Regiment 1890/91 in Berlin, Reserveoffizier zu werden, scheiterte an seiner jüdischen Religionszugehörigkeit.
Stattdessen schlug er die Laufbahn als Industrieller in der Firma seines Vaters ein. Nach dessen Tod im Jahr 1915 erhielt er Sondervollmachten und den Titel „Präsident der AEG“, Nachfolger seines Vaters wurde aber Felix Deutsch. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs hatte sich Rathenau eine einflussreiche Stellung in der deutschen Wirtschaft erarbeitet.

Ablehnung der deutschen Kolonialpolitik

Nach zwei Inspektionsreisen nach Deutsch-Südwestafrika in den Jahren 1907 und 1908 mit dem Staatssekretär des Reichskolonialamts Bernhard Dernburg stellte Walther Rathenau der deutschen Kolonialpolitik in seinem Bericht an Kaiser Wilhelm II. ein schlechtes Zeugnis aus. Die Kolonie sei wirtschaftlich wertlos und unrentabel, die Verluste unter den deutschen Truppen zu hoch. Das gewaltsame Vorgehen gegen den Herero-Aufstand (1904) lehnte er entschieden ab. 

Erster Weltkrieg

Seiner Einschätzung nach war die deutsche Wirtschaft zu Beginn des Kriegs nur unzureichend vorbereitet. Auf seine Initiative hin entstand die „Kriegsrohstoffabteilung (K.R.A.)“, zu deren Leiter Walther Rathenau berufen wurde. Aus Enttäuschung, dass er nicht zum Staatssekretär des Reichsschatzamtes berufen wurde, zog sich Rathenau acht Monate später zurück und konzentrierte sich auf die Rüstungsproduktion der AEG. Er setzte sich ausdrücklich für die Deportation belgischer Zivilisten zur Zwangsarbeit ein und plädierte für scharfe Maßnahmen gegen die belgische Zivilbevölkerung. Nach der Friedrich Krupp AG war die AEG zweitgrößter Rüstungsproduzent im Deutschen Reich. Später kümmerte sich Rathenau um die Rückumstellung auf die Friedensproduktion. 

Darüber hinaus beteiligte er sich mit mehreren Schriften an der Kriegszieldiskussion. Die Siegesaussichten des Deutschen Reichs sah er skeptisch und zog sich damit die Ablehnung des patriotischen Bürgertums zu. Im Falle eines Sieges sollte das Deutsche Reich nach seinen Vorstellungen nicht mit territorialen Erweiterungen, sondern mit einer Vormachtstellung innerhalb einer mitteleuropäischen Zollunion eine wirtschaftliche Vormachtstellung in Europa einnehmen. 

Als die Oberste Heeresleitung (OHL) am 29. September 1918 die sofortige Einleitung von Waffenstillstandsverhandlungen forderte, kritisierte Rathenau einen Waffenstillstand und plädierte für die Fortführung des Krieges, um für die späteren Verhandlungen eine bessere Position zu erreichen. Dennoch wurde er später zur Zielscheibe von antisemitisch motivierten Angriffen durch Anhänger der Dolchstoßlegende. 

Rathenau unterschätzte die Friedenssehnsucht der breiten Bevölkerung und wurde deswegen wie auch wegen seiner Rolle in der Kriegswirtschaft von der politischen Linken, aber auch von gemäßigten Politikern mit Misstrauen begegnet. Seine Berufung in die erste „Kommission zur Vorbereitung der Sozialisierung der Industrie“ – sie wurde vom Rat der Volksbeauftragten als Expertenkommission eingesetzt – scheiterte am Widerstand der USPD. Auch eine Kandidatur in der neugegründeten Deutschen Demokratischen Partei (DDP) für die Nationalversammlung kam nicht zustande. Zunehmend saß er mit seinen wirtschaftlichen Positionen zwischen allen Stühlen. 

Der Reparationspolitiker und Unterzeichner des Rapallo-Vertrags

Als Politiker trat Rathenau vor allem in der zweiten Sozialisierungskommission im Sommer 1920 und bald darauf auf dem Feld der Reparationszahlungen an die Kriegssieger in Erscheinung. Im Auftrag des Reichsfinanzministers Joseph Wirth verhandelte Rathenau als Wirtschaftssachverständiger der deutschen Delegation während der Konferenz von Spa (5.–16. Juli 1920) über deutsche Kohlelieferungen an die Alliierten. Gemeinsam verfolgten sie beide den Ansatz, den Forderungen der Westmächte bis zur Grenze des „Erfüllbaren" nachzugeben.
 
Im ersten Kabinett Wirth (10. Mai bis 22. Oktober 1921) wurde Rathenau Reichsminister für Wiederaufbau und verhandelte in dieser Funktion im Sommer 1921 das Wiesbadener Abkommen, das einen Teil der Reparationszahlungen an Frankreich als Sachlieferungen vorsah. Im Oktober 1921 schied Rathenau nach dem Rücktritt des Kabinetts Wirth zwar offiziell aus der Reichsregierung aus, wurde aber weiterhin mit wichtigen Verhandlungen, wie im Januar 1922 auf der Konferenz von Cannes, betraut.

Dem zweiten Kabinett Wirth (26. Oktober 1921 bis 14. November 1922) gehörte Rathenau ab dem 31. Januar 1922 als Reichsaußenminister an. Am Rande der Finanzkonferenz von Genua schloss er am 16. April 1922 den deutsch-sowjetischen Vertrag von Rapallo über die Wiederaufnahme diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen beider Länder. Damit setzte sich der Teil der deutschen Diplomatie, u.a. Wirth, durch, die mit einem bilateralen Separatabkommen unter anderem die Verhandlungsposition des Deutschen Reichs gegenüber den Westmächten stärken wollte. Rathenau favorisierte ein Abkommen mit einer Einbindung der Westmächte. 

Zwar wurde der Vertrag mehrheitlich und besonders von nationalistischen Kommunisten und sozialistisch orientierten Kräfte im völkischen Lager begrüßt, stieß aber auch auf Widerstand in Teilen der SPD. Im deutschnationalen und rechtsextremistischen Lager wurde Rathenau, der dort bereits wegen seiner jüdischen Abstammung verhasst war, wegen der Annäherung an das bolschewistische Russland angefeindet.

Ermordung

Am 24. Juni 1922 wurde Rathenau von zwei jungen Offizieren erschossen, die der rechtsradikalen Organisation Consul angehörten. Die Todesnachricht löste im Reichstag heftige Tumulte aus. In allen größeren Städten brachten Zehntausende ihre Empörung zum Ausdruck. In Berlin protestierten über 400.000 Menschen gegen das Attentat und demonstrierten für die Weimarer Republik. Bestattet wurde Rathenau am 27. Juni 1922 im Familiengrab auf dem Waldfriedhof des Berliner Ortsteils Oberschöneweide. An der Ecke Koenigsallee/Erdener Straße in Berlin erinnert ein Gedenkstein an den Mord. 

Bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung sind folgende Publikationen zum Thema erhältlich:

Walter Mühlhausen: Das Weimar-Experiment

Christoph Regulski: Die Novemberrevolution

Christoph Nonn: 12 Tage und ein halbes Jahrhundert