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14. Mai 1948: 75. Jahrestag der Staatsgründung Israels

„In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten…“ Diese Sätze notierte der österreichisch-ungarische Journalist Theodor Herzl am 3. September 1897 in sein Tagebuch, kurz nachdem der erste Zionistenkongress in Basel zu Ende gegangen war. Auf diesem hatten die Delegierten die Errichtung eines „Judenstaats“ im zeitgenössischen Palästina, einer Provinz des Osmanischen Reichs, beschlossen. Für Jüdinnen und Juden hatte und hat dieser Landstrich eine ganz besondere Bedeutung, ist er doch „Eretz Israel“ (das Land Israel) – das in der Bibel verheißene Land.

Ausrufung des Staates Israel durch David Ben Gurion

„…In 50 Jahren wird es jeder einsehen.“ Mit dieser Einschätzung lag Herzl überraschend richtig, denn etwa 50 Jahre später wurde ein unabhängiger jüdischer Staat gegründet. Am 5. Iyyar 5708, oder nach gregorianischer Zeitrechnung am 14. Mai 1948, verlas David Ben Gurion, sozialistischer Politiker und designierter Ministerpräsident, die Unabhängigkeitserklärung in Tel Aviv und rief damit den Staat Israel aus. Noch in derselben Nacht brach der erste israelisch-arabische Krieg aus. In den 50 Jahren zwischen Tagebucheintrag und Staatsgründung war mehr passiert, als Theodor Herzl sich jemals hätte vorstellen können.

Vorgeschichte nach Erstem Weltkrieg

Nach Ende des Ersten Weltkriegs, in dem das Osmanische Reich als Verbündeter auf Seiten der Mittelmächte Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und anfangs Italien gekämpft hatte, übertrug der Völkerbund 1922 auf der Konferenz von San Remo Großbritannien das Mandat für Palästina. Zu dieser Zeit lebten neben der arabischen Bevölkerung auch eine jüdische Minderheit in dem Gebiet. Sie hatten sich in dem Jischuv (Ansiedlung) selbst organisiert. Ab den 1920er Jahren nahm die jüdische Einwanderung zu und es kam zunehmend zu teilweise gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der arabischen Bevölkerung. Zwischen 1936 und 1939 kulminierten diese im Großen Arabischen Aufstand, der von der britischen Mandatsmacht gewaltsam beendet wurde. Um die Spannungen abzubauen, verhängte die britische Mandatsverwaltung eine Obergrenze für jüdische Immigration nach Palästina, die von der Zustimmung der arabischen Seite abhängig war, und setzten die Peel-Kommission ein, um Zukunftspläne für die Region zu erarbeiten. Diese schlug 1937 erstmals die Teilung des Gebiets in einen jüdischen und einen arabischen Teil vor. Die arabische Seite lehnte den Plan mehrheitlich ab, während der Jischuv die Teilung mehrheitlich positiv aufnahm. Das sogenannte Weißbuch von 1939, in dem die Quoten für die Zahl der jüdischen Einwanderinnen und Einwanderer festgelegt wurde, hatte angesichts der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten fatale Konsequenzen, da es jüdischen Flüchtlingen den rettenden Weg ins britische Mandatsgebiet versperrte. Trotz dieser Politik kämpften etwa 30.000 jüdische Freiwillige aus Palästina während des Zweiten Weltkriegs im britischen Militär gegen Nazi-Deutschland, im September 1944 wurde sogar eine eigene Brigade mit 5.000 Mann aufgestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Situation im britischen Mandatsgebiet Palästina spitzte sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weiter zu. Rund eine Viertelmillion jüdischer Flüchtlinge, Überlebende des Holocausts, befand sich noch in Europa. Die Mehrheit drängte nach Eretz Israel, doch das Weißbuch mit seinen niedrigen Einwanderungsquoten blieb weiter bestehen. Die Briten gingen konsequent gegen die heimliche Einwanderung vor und schickten Ankommende entweder nach Deutschland zurück oder internierten sie in Lagern auf der Insel Zypern. Paramilitärische jüdische Organisationen, wie Hagana und Irgun, kämpften gegen diese Politik und verübten u. a. Anschläge auf britische Einrichtungen. Der verheerendste richtete sich gegen das Büro des Generalstabs der britischen Armee in Palästina am 22. Juli 1946 im King David Hotel in Jerusalem. Der britische Premierminister Clement Atlee wandte sich zur Lösung der „Palästina-Frage“ an die neu gegründeten Vereinten Nationen als Nachfolgeinstitution des Völkerbunds. Am 29. November 1947 stimmte die UN-Generalversammlung über Resolution 181 (II) ab, die die Schaffung zweier unabhängiger Staaten, eines jüdischen und eines arabischen, anstelle des britisch verwalteten Mandatsgebiets Palästina vorsah. Beide Staaten sollten eine demokratische Verfassung mit allgemeinem Wahlrecht, Menschen- und Bürgerrechten sowie Minderheitenschutz erhalten. Jerusalem als heilige Stadt der drei großen monotheistischen Religionen sollte unter internationaler Verwaltung stehen. Der Resolution stimmten 33 Staaten zu, darunter die USA, die UdSSR und Frankreich; 13 Staaten lehnten sie ab, darunter alle arabischen Mitglieder der UN. 10 Staaten enthielten sich, darunter Großbritannien als damalige Mandatsmacht. Das britische Mandat sollte am Freitag, 14. Mai 1948, um Mitternacht enden.

Reaktionen

Sowohl auf jüdischer als auch auf arabischer Seite gab es Befürworter und Gegner des Plans. Im Jischuv als Organisation der jüdischen Einwohner Palästinas setzten sich die Befürworter durch, während auf arabischer Seite, allen voran in der neu gegründeten Arabischen Liga, die Ablehnung dominierte.

Da das Ende des britischen Mandats auf einen Schabbat, den jüdischen Ruhetag, fiel, verlas Ben Gurion am 14. Mai, bevor die letzten britischen Truppen am Folgetag das Land verließen, die Unabhängigkeitserklärung. Die Proklamation des Staates Israel dauerte genau 32 Minuten. Das Dokument wurde von 37 Personen, 35 Männern und 2 Frauen, unterzeichnet. Es äußert u. a. den Wunsch nach Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden und verspricht die Gleichbehandlung all seiner Bürgerinnen und Bürger. Eine Verfassung ist es nicht, eine solche sollte in der Folgezeit von einer gewählten Versammlung ausformuliert werden, aber aufgrund der Kriegssituation wurde das Vorhaben verschoben – bis heute kam es jedoch nicht dazu.

Nur einige Stunden nach seiner Ausrufung griffen die Armeen von Transjordanien, Ägypten, Syrien, Libanon und Irak den neugegründeten Staat an. Der erste israelisch-arabische Krieg dauerte bis in den Juli 1949 und endete mit mehreren separaten Waffenstillstandsabkommen, aber keinem Friedensvertrag. Innerhalb der Waffenstillstandslinien umfasste Israel nun ein Territorium, das größer war als im Teilungsplan ursprünglich vorgesehen. Im Rest des ehemaligen Mandatsgebiets hatte einerseits Jordanien das Westjordanland einschließlich Ostjerusalems erobert, sowie Ägypten den Gaza-Streifen. Zu den dramatischsten Folgen dieses grausamen Kriegs, in dessen Verlauf es zu Kriegsverbrechen durch beide Seiten kam, gehören Flucht und Vertreibung von mutmaßlich 750.000 arabischen Bewohnerinnen und Bewohnern, die in die nicht-israelischen Teile des ehemaligen Mandatsgebiets oder in die umliegenden arabischen Staaten flohen. Ursachen und Hergang sind bis heute Gegenstand historischer und politischer Kontroverse. Gesichert sind Flucht vor Kriegshandlungen, teils medial verstärkte Angst vor vermeintlichen oder tatsächlichen Übergriffen sowie gezielte Vertreibungen.

Als Reaktion auf den Krieg und die Gründung des Staates Israel setzten in arabischen Ländern Verfolgungswellen gegen die dortige jüdische Bevölkerung ein, die auch staatlicherseits angefacht wurden. Insgesamt flohen etwa 850.000 arabische Jüdinnen und Juden in den Folgejahrzehnten nach Israel.

Unterschiedliche Narrative

Auf jüdisch-israelischer Seite gilt der erste israelisch-arabische Krieg als „Unabhängigkeitskrieg“ und wird trotz aller Schrecken in erster Linie als Moment der historischen Selbstbehauptung ihres jungen Staates erinnert. Hingegen sieht die palästinensisch-arabische Perspektive in ihm zuvorderst eine Katastrophe (arab.: „Nakba“). Nach Öffnung der Archive in Israel setzte ab Ende der 1980er Jahre eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Entstehung des Staates ein, die zu großen Kontroversen in der Gesellschaft führte. Auf arabischer Seite stehen die meisten Dokumente weiterhin unter Verschluss, sodass eine Auswertung und Aufarbeitung nur eingeschränkt möglich ist. Die umfassende historische Erforschung leidet darunter, dass der Konflikt bis heute anhält.

Israel nach 75 Jahren

Israel, ein Land der Größe Hessens, hat seit seiner Gründung eine erstaunliche Entwicklung gezeigt. Auch nach dem ersten israelisch-arabischen Krieg stand es vor großen Herausforderungen: weiterhin kein Frieden mit den Nachbarn und somit ständig hohe Verteidigungsausgaben, gleichzeitig kaum fruchtbarer Boden, keine Rohstoffvorkommen, Handelsblockaden und wenig entwickelte Infrastruktur. Doch viele wirtschaftliche Probleme konnten überwunden werden und heute gilt Israel als „Start-up Nation“. Seit seiner Gründung hat Israel immer wieder eine große Anzahl von Einwanderinnen und Einwanderern integriert, sei es aus arabischen Staaten oder nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. So ist eine äußerst heterogene Gesellschaft entstanden, die sich entlang unterschiedlicher Identitätslinien orientiert, etwa jüdisch <-> nicht-jüdisch, säkular <-> religiös, aschkenasisch (aus Mittel- und Osteuropa stammende Jüdinnen und Juden) <-> sephardisch (aus Südeuropa und Nordafrika stammende Jüdinnen und Juden). Außenpolitisch scheinen heute Chancen zu bestehen, die mit der Situation vor 75 Jahren kontrastieren. Nach der Unterzeichnung der Abrahamsverträge im Jahr 2020 haben sechs arabische Staaten mit Israel Frieden geschlossen: Ägypten, Jordanien, Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Sudan und Marokko.

Heute, 75 Jahre nach der Staatsgründung, ruft Israel kein „universelles Gelächter“ mehr hervor, wie Herzl es noch 1897 befürchtet hatte. Aber sowohl innere Spannungen als auch die komplizierte Lage in der Region lassen zukünftige Herausforderungen aufscheinen.

Bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung sind u.a. folgende Publikationen zum Thema erhältlich: