Zum Hauptinhalt springen

11. September 1973: Militärputsch in Chile und das Ende der Demokratie

Der 11. September 1973 teilte die Geschichte Chiles in ein davor und danach. An diesem Tag putschte das Militär in Chile unter der Führung von General Augusto Pinochet und stürzte den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, der sich im Verlauf des Putsches selbst tötete. Nach dem Putsch errichtete Pinochet eine Militärdiktatur, die bis 1990 andauerte. Während seiner Herrschaft wurden zahlreiche Menschenrechtsverletzungen begangen, darunter Folter, Entführungen und Exekutionen von Oppositionellen.

Vorgeschichte

Der promovierte Mediziner Allende wurde bereits im Jahr 1966 Senatspräsident. 1970 trat er als Präsidentschaftskandidat der vereinigten Linken aus Sozialisten, Kommunisten und kleineren Linksparteien an und erlangte mit 36,3 % der Stimmen in der Direktwahl die meisten Stimmen. Verfassungskonform wählte dann im indirekten Verfahren das Parlament im zweiten Wahlgang Allende zum Präsidenten. Schon 18 Jahre zuvor war Allende erstmals Präsidentschaftskandidat und erreichte seinerzeit das viertbeste Ergebnis. Mit der Wahl von Salvador Allende, dem ersten sozialistischen Präsidenten Lateinamerikas, im Jahr 1970 versprachen sich Teile der Bevölkerung soziale Gerechtigkeit und eine gerechtere Verteilung des Wohlstands.

Allendes Politik der Verstaatlichung von Schlüsselindustrien und Landreformen führte jedoch zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten und politischer Polarisierung im Land. Mitten im Kalten Krieg sahen die USA in Allendes sozialistischer Regierung eine Bedrohung für ihre Interessen in Lateinamerika. Unter der Nixon-Regierung wurden verdeckte Operationen durch die CIA initiiert, um Allendes Regierung zu destabilisieren. Ähnlich agierten die USA bereits vorher in Kuba und anderen Ländern auf der Welt. Die Einflussnahme umfasste wirtschaftliche Sanktionen, finanzielle Unterstützung für oppositionelle Gruppen und sogar Pläne zur Entführung und Tötung von Menschen.

11. September 1973: Der Tag, an dem die Demokratie starb

Am Morgen des 11. September 1973 begann der Putsch, der auf heftige Gegenwehr traf. Der Präsidenten-Palast La Moneda wurde bombardiert, Salvador Allende leistete Widerstand, doch am Ende des Tages war er tot und General Augusto Pinochet hatte die Kontrolle über das Land übernommen. Pinochets Regime war brutal. Oppositionelle wurden verhaftet, gefoltert und oft ohne Gerichtsverfahren ermordet. Die Medien wurden zensiert und die Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger eingeschränkt. Gleichzeitig führte Pinochet wirtschaftliche Reformen durch, die das Land neoliberal ausrichteten, oft zum Vorteil ausländischer Unternehmen. Die Bundesrepublik Deutschland unterhielt enge wirtschaftliche Beziehungen zu Chile, insbesondere im Bergbau und in der Industrie. Es gibt Hinweise darauf, dass deutsche Unternehmen, die in Chile tätig waren, finanzielle Unterstützung für Gruppen auf Seiten Pinochets leisteten und somit indirekt am Putsch beteiligt waren. Die genaue Rolle der BRD bleibt jedoch umstritten. Von Teilen der deutschen Politik wurde der Putsch begrüßt, überwiegend aus wirtschaftlichen Gründen.

Verbindungen zwischen der Colonia Dignidad und der Militärdiktatur

Die Colonia Dignidad war eine deutsche Siedlung in Chile, 1961 gegründet von dem 40-jährigen Paul Schäfer. Dieser war als Jugendlicher Mitglied in einer christlichen CVJM-„Eichenkreuz“-Gruppe.Forschungen ergaben, dass der wegen eines Augenverlusts Ausgemusterte nie Offizier in der Wehrmacht oder Mitglied in nationalsozialistischen Organisationen war, sondern beruflich als Pfleger begann und als Sanitäter in Frankreich am Zweiten Weltkrieg teilnahm. Dem in Bonn geborenen Schäfer wird eine tiefe Verachtung von Frauen zugeschrieben. Die Colonia Dignidad wurde als sektenähnliche Gemeinschaft geführt, in der zahlreiche Menschenrechtsverletzungen, darunter Folter, sexueller Missbrauch und Zwangsarbeit, stattfanden. Trotz zahlreicher Berichte über Missstände in der Kolonie unternahm die deutsche Botschaft in Chile lange Zeit wenig, um die Vorfälle zu untersuchen oder dagegen vorzugehen. Opfer, die sich an die deutsche Botschaft wandten und um Hilfe baten, wurden verraten und an die Anführer der Colonia Dignidad überstellt. Es gab Vorwürfe, dass einige deutsche Diplomaten und Geheimdienstmitarbeiter von den Aktivitäten in der Colonia Dignidad Bescheid wussten und diese ignorierten oder sogar unterstützten. Nach dem Putsch 1973 kooperierte die Colonia Dignidad eng mit dem Pinochet-Regime. Die Siedlung wurde als Folterzentrum genutzt, in dem Oppositionelle gefoltert und ermordet wurden

Repressionen und der blutige Kampf für die Demokratie

Angesichts der brutalen Repressionen suchten Zehntausende Chileninnen und Chilenen Zuflucht im Ausland. Viele fanden in europäischen Ländern wie der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), Schweden und Frankreich ein neues Zuhause. Diese Flüchtlinge trugen dazu bei, das Bewusstsein für die Situation in Chile zu schärfen und internationale Solidaritätsbewegungen zu fördern. Die chilenischen Flüchtlinge in der BRD und DDR wurden größtenteils herzlich aufgenommen. Gleichzeitig wuchs in Deutschland eine starke Anti-Pinochet-Bewegung, die sich für die Menschenrechte in Chile einsetzte. Nach fast zwei Jahrzehnten unter Pinochets Herrschaft begann in Chile in den späten 1980er Jahren der Übergang zur Demokratie. Dieser Prozess war komplex und erforderte Kompromisse, aber 1990 wurde schließlich eine zivile Regierung gewählt.

Erinnerungskultur an den Putsch: Das kollektive Gedächtnis

In Chile sind die Narben des Putsches und der folgenden Diktatur tief. Denkmäler, Museen und Gedenkveranstaltungen erinnern an die Opfer. In Deutschland gibt es ebenfalls Initiativen, die an die Solidarität mit dem chilenischen Volk erinnern und die Bedeutung des 11. September 1973 betonen. Im Grüneburgpark in Frankfurt am Main gibt es eine Gedenkstätte für die Gefallenen während der Pinochet-Diktatur, an der am Jahrestag an die ermordeten Menschen erinnert wird.

Die Ereignisse des 11. September 1973 und ihre Folgen sind ein eindrückliches Beispiel dafür, wie internationale Politik, wirtschaftliche Interessen und der Kampf um Menschenrechte miteinander verflochten sind. Es ist eine Geschichte, die nicht vergessen werden darf.