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1. März 1922: 100. Geburtstag von Jitzchak Rabin

Der Nahostkonflikt ist komplex. Diese Komplexität bezieht sich auf die Ursachen des Konflikts wie auch in Bezug auf die Lösungen aus der Konfliktlage heraus. Längst ist dieser Konflikt nicht mehr nur auf eine Region beschränkt, sondern strahlt in andere Konfliktfelder hinein. Die Fronten in den Köpfen der unterschiedlichen Konfliktparteien sind bereits seit Jahrzehnten verhärtet. Einer, der den Schützengraben im Kopf überwinden und Brücken bauen konnte, war Jitzchak Rabin. 

„Der Weg des Friedens ist dem Weg des Krieges vorzuziehen. Ich sage euch dies als jemand, der 27 Jahre lang ein Mann des Militärs war.“ So lautet das Fazit des israelischen Politikers und früheren Generalstabschefs, des Diplomaten und des Friedensnobelpreisträgers von 1994 kurz vor dem tödlichen Attentat auf ihn am 4. November 1995. 
 

Familie und Ausbildung

Jitzchak Rabin wurde am 1. März 1922 als Sohn russisch-jüdischer Emigranten in Jerusalem geboren. Sein Vater, Nehemiah Rabitschow, war mit 18 Jahren aus Kiew in die USA ausgewandert und kam 1917 von dort – unter dem Namen „Rabin" – als Freiwilliger der jüdischen Legion der britischen Armee nach Palästina. Seine Mutter, Rosa Cohen, emigrierte zwei Jahre später aus Russland nach Palästina. Rabin besuchte von 1928 bis 1935 die Bet Hinuch-Schule (Schule für Arbeiterkinder) in Tel Aviv, anschließend die von seiner Mutter geleitete Givat Hashlosha und 1937 die Kadoori Landwirtschaftsschule, die er 1940 mit Auszeichnung abschloss. 1948 heiratete er die im ostpreußischen Königsberg geborene Leah Schlossberg. Das Paar hatte zwei Kinder.

Militärische Karriere

Rabin trat 1938 als Freiwilliger der jüdischen Selbstverteidigungsorganisation Hagana bei und wurde im Frühjahr 1941 Mitglied der neugegründeten Palmach, der für den zionistischen Untergrundkampf zuständigen Elitetruppe der Hagana. Als Angehöriger der britischen Armee nahm er an Feldzügen gegen das von Vichy-Frankreich besetzte Syrien und Libanon teil. 1945 wurde er stellvertretender Befehlshaber der Palmach-Einheiten und kämpfte fortan gegen die britischen Mandatstruppen, da Großbritannien eine Politik verfolgte, die gegen eine unbegrenzte Öffnung Palästinas für jüdische Emigranten, auch für Holocaustflüchtlinge, gerichtet war.

Während des israelischen Unabhängigkeitskriegs (1947–1949) befehligte er die Kämpfe in und um Jerusalem und kämpfte in der Wüste Negev gegen die Ägypter. Nach dem Krieg wurde Rabins Einheit der Palmach ebenso wie die noch radikalere Untergrundorganisation Irgun von Ben Gurion aufgelöst. Als Offizier der israelischen Armee und Delegierter der israelischen Waffenstillstandsdelegation auf Rhodos handelte er das Waffenstillstandsabkommen von 1949 mit Ägypten mit aus. 

Von 1953 bis 1956 übernahm Rabin als Generalmajor die Leitung der Ausbildung der israelischen Armee. Am 1. Januar 1956 wurde er zum Generalstabschef ernannt. Er entwarf die Strategie eines Überraschungsangriffs, die die Zerstörung der feindlichen Luftwaffe am Boden zum Ziel hatte. Auf diese Weise brachte Israel Ägypten im Sechstagekrieg vom 5. Juni bis 10. Juni 1967 eine vernichtende Niederlage bei. In den Augen großer Teile der israelischen Bevölkerung war er damit ein Kriegsheld, der die Sicherheit Israels garantierte.  

Eintritt in die Politik und erste Regierungszeit (1974–1977) als Ministerpräsident

1967 zog sich Rabin aus der Armee zurück und wurde israelischer Botschafter in den USA. Er unterhielt enge Beziehungen zu den amerikanischen Präsidenten und verschaffte Israel amerikanische Waffensysteme. Seitens der israelischen Hardliner zog er harsche Kritik auf sich, weil er im israelischen Rückzug aus den seit dem Sechstagekrieg besetzten arabischen Gebieten eine Perspektive sah, im Nahen Osten Frieden herzustellen.

Nach der Rückkehr nach Israel im Jahr 1973 wurde er politisch aktiv, Mitglied der Arbeitspartei, bei den Wahlen in die Knesset gewählt und im Kabinett von Ministerpräsidentin Golda Meir Arbeitsminister. Im April 1974 setzte sich Rabin gegen Schimon Peres als Parteivorsitzender durch und wurde im Juni Israels fünfter und erster in Israel geborener Ministerpräsident. Er zeigte sowohl Bereitschaft, mit Israels Gegnern zu verhandeln als auch Entschlossenheit, gegen sie gegebenenfalls vorzugehen. So sicherte er Syrien auf den Golanhöhen eine Feuerpause zu, ordnete aber wiederum in der Nacht zum 4. Juli 1976 eine militärische Befreiungsaktion des von der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und der Roten Armee Fraktion (RFA) entführten Passagierflugzeugs an, das nach Entebbe (Uganda) entführt worden war. Zu den Verdiensten seiner ersten Amtszeit gehörte insbesondere eine mit Ägypten getroffene Vereinbarung, die zur Grundlage des dauerhaften Friedensschlusses 1979 wurde.

Im Vorfeld der Wahlen im Mai 1977 wurde bekannt, dass er und seine Frau ein illegales Dollarvermögen in den USA besaßen. Wegen der darauffolgenden Wahlniederlage der Arbeitspartei musste er sein Amt als Ministerpräsident an den Likud-Politiker Menachem Begin abgeben. Den Vorsitz der Arbeitspartei trat er an Shimon Peres ab.
 

Fortsetzung der politischen Karriere als Verteidigungsminister (1984–1990) und die zweite Amtszeit als Ministerpräsident (1992–1995)

Als Verteidigungsminister einer Koalition aus Arbeitspartei und Likud ging Rabin gewaltsam gegen die erste Intifada, den ersten Aufstand der Palästinenser in den besetzten Gebieten gegen Israel, vor. Das Scheitern seiner harten Linie brachte Rabin aus zunächst strategischen Überlegungen dazu, dass eine Verständigung mit den Palästinensern unumgänglich war. Vor dem Hintergrund seiner harten Haltung als Militär und als bisheriger Politiker besaß er ein fast landesweites Vertrauen, mit seinem Entgegenkommen gegenüber den Palästinensern nicht die Sicherheit Israels aufs Spiel zu setzen. Im Februar 1992 gewann er den Parteivorsitz zurück. Mit dem Sieg der Arbeitspartei bei den Wahlen im Juli 1992 wurde Rabin zum zweiten Mal Ministerpräsident. Zugleich erhielt er mit dem Wahlerfolg ein starkes Mandat, den Friedensprozess voranzutreiben. Seinen Vorgänger Shimon Peres machte er zum Außenminister. 

Der Friedensprozess

Bereits zu Beginn seiner zweiten Amtszeit spielte Rabin eine tragende Rolle bei den Friedensgesprächen mit den Palästinensern und arabischen Ländern. So kündigte er 1992 den Abzug der israelischen Truppen von den Golanhöhen an. Am Ende der direkten Gespräche zwischen Vertretern der PLO und der israelischen Regierung stand die am 9./10. September 1993 von Peres und dem Palästinenserführer Jassir Arafat unterzeichnete „Prinzipienerklärung über die vorübergehende Selbstverwaltung“ (Oslo I), in dem sich beide Seiten offiziell anerkannten. Außerdem enthielt die Vereinbarung die Zusicherung Israels, seine Armee aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen abzuziehen. In einer allgemeinen Erklärung wurde den Palästinensern auch Autonomie im Westjordanland und dem Gazastreifen zugesprochen. Nach einer Übergangszeit sollte ein dauerhafter Status der Gebiete ausgehandelt werden. 

Die Umsetzung des Oslo-I-Abkommens wurde am 4. Mai 1994 im Gaza-Jericho-Abkommen vereinbart. Für seine Beteiligung an diesem Prozess erhielt Rabin 1994, zusammen mit Jassir Arafat und Shimon Peres, den Friedensnobelpreis. Die territorialen Zugeständnisse wurden von vielen Israelis, insbesondere von Siedlern des Westjordanlands, entschieden abgelehnt. Der Nahostkonflikt konnte jedoch durch den im Oktober 1994 von Rabin und König Hussein von Jordanien geschlossenen Friedensvertrag weiter entspannt werden. 

Am 24. September 1995 vereinbarten Rabin und Arafat die konkreten und komplexen Regierungskompetenzen Israels und der Palästinenser im Westjordanland und Gazastreifen (Oslo II). 
Gut sechs Wochen später, am 4. November 1995, nahm Rabin an einer großen Friedenskundgebung in Tel Aviv teil. Sie endete mit seiner Ermordung durch einen israelischen Extremisten. Er wurde auf dem israelischen Nationalfriedhof Herzlberg in Jerusalem begraben.

Bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung können folgende Publikationen zum Thema bestellt werden:

Noam Zadoff: Geschichte Israels

Carsten Schliwski: Geschichte des Staates Israel

Michael Brenner: Israel

Muriel Asseburg/Jan Busse: Der Nahostkonflikt

Muriel Asseburg: Palästina und die Palästinenser