Vorurteile – Feindschaft – Hass

Man sieht die Abbildung der sogenannten "Schandsäule" in der Frankfurter Töngesgasse. Eine Ansammlung von Menschen steht um sie herum. Die Abbildung ist schwarz-weiß.

Schandsäule in der Frankfurter Töngesgasse,
17. Jahrhundert
© EvaK, PD, Wikimedia Common

Antisemitische Beschimpfungen und Vorfälle sind auch in Hessen heute ein gesellschaftliches Problem, das ebenfalls die Schulen betrifft. Feindschaft, Hass und Gewalt begleiten Juden, seit sie sich im frühen Mittelalter in hessischen Städten und Gemeinden niedergelassen haben.

Erfundene Anschuldigungen wie der Ritualmord, die Hostienschändung und Brunnenvergiftung, das Stereotyp des gierigen Geldverleihers waren Anlass genug, Juden zu verfolgen und zu ermorden. So wurden zum Beispiel in Fulda am 28. Dezember 1235 etwa 34 Personen wegen eines angeblichen Ritualmordes an mehreren Kindern erschlagen. Während der Pestjahre 1348/1349 wurden in Fulda etwa 180 Menschen ermordet, in Kassel wurde die gesamte jüdische Gemeinde vernichtet.

Die Kundmachung ruft zu einer Antisemitischen Volksversammlung in Hersfeld am 6. November um 4 Uhr auf.

Antisemitische Volksversammlung in Hersfeld,
Ende der 1890er Jahre
© Dr. Heinrich Nuhn, Hassia Judaica

Von Judenfeindschaft zu Antisemitismus

Mit der rechtlichen Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert entstand eine neue Form der Judenfeindschaft, der Antisemitismus. Er richtete sich nicht mehr gegen eine religiöse Gruppe mit eigenen Lebensformen, sondern gegen Menschen, die nunmehr Teil der Gesellschaft waren und aktiv am öffentlichen Leben teilnahmen. Teile der damaligen christlichen Mehrheitsgesellschaft wehrten sich im Zeitalter von Industrialisierung und übersteigertem Nationalismus gegen die Gewährung staatsbürgerlicher Gleichberechtigung der Juden. Stereotype aus dem Mittelalter wurden wieder verbreitet. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden antisemitische Parteien und Verbände, die den Boden für die Ideologie der Nationalsozialisten bereiten sollten.

Man sieht ein vergilbtes Foto eder Synagoge aus Michelsberg in Wiesbaden. Aus ihrem Dach tritt Rauch heraus.

Brennende Synagoge am Michelsberg in
Wiesbaden im November 1938
© PD, Wikimedia Commons

Antisemitismus wird zur staatlichen Ideologie

Der rassistische Antisemitismus wurde mit der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 offizielle Politik und Ideologie. Zahlreiche Gesetze und Maßnahmen, die 1933 mit Geschäftsboykotten ihren Anfang nahmen, drängten die Juden nach und nach aus dem öffentlichen Leben, nahmen ihnen ihre bürgerlichen Rechte, zerstörten ihre Existenz, für alle sichtbar schließlich im November 1938 durch die Zerstörung von Synagogen, die Plünderung von Geschäften in jüdischem Besitz und Massenverhaftungen. Von Oktober 1941 bis September 1942 wurden in 15 Massendeportationen mehr als 15.500 jüdische Menschen aus etwa 250 Dörfern und Städten der hessischen Gebiete des vormaligen Volksstaats Hessen und der preußischen Provinz Hessen-Nassau verschleppt. Zwischen 1943 und 1945 kam es zu weiteren Deportationen. Zentrale Sammellager gab es in Kassel, Frankfurt am Main und Darmstadt, in Gießen, Friedberg, Wiesbaden und Mainz wurden zusätzliche regionale Sammelpunkte eingerichtet. Kassel gedenkt heute 1.007 ermordeter jüdischer Einwohner, Wiesbaden erinnert auf dem Namensband der Gedenkstätte am Michelsberg an über 1.500 umgekommene und ermordete jüdische Einwohner, von den Juden in Offenbach sind vermutlich 400 ums Leben gekommen, von 330 jüdischen Frauen, Männern und Kindern, die aus Gießen verschleppt wurden, kehrten sechs zurück.

Fragen

  • Untersuchen Sie die Ursachen der Anfeindungen und Pogrome im Mittelalter am Beispiel hessischer Städte und Gemeinden. Welche Auswirkungen hatten die Pogrome auf das Leben der jüdischen Gemeinden?
  • Im 19. Jahrhundert entstand der Antisemitismus als eine neue Form der Judenfeindschaft. Welche Ziele verfolgte er?
  • Setzen Sie sich mit Otto Böckel und seiner antisemitischen Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts in Hessen auseinander.
  • 1919 gründete Leo Löwenstein den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Beschreiben Sie seine Zielsetzung und untersuchen Sie die Gründe, warum er mit seinem Anliegen scheiterte.
  • Zu den eindringlichsten Stimmen der neuen Literatur über das Novemberpogrom von 1938 gehört die Studie „Ein ganz normales Pogrom. November 1938 in einem deutschen Dorf“ von Sven Felix Kellerhoff. Welchen neuen Blick auf die antisemitischen Übergriffe der „Reichskristallnacht“ wirft er in seiner Untersuchung über den rheinhessischen Ort Guntersblum?
  • Die jüdische Gemeinde in Hanau bestand bis zu ihrer Deportation 1942. Von den Vorgängen der Deportation gibt es eine Fotoserie. Recherchieren Sie, warum sie entstanden ist, überprüfen Sie, warum sie eine Besonderheit ist.
  • Auf welche Weise wird in Ihrer Stadt, Ihrer Gemeinde an die Deportation und Ermordung der Juden erinnert?
  • Untersuchen Sie kritisch Ausdrucksformen von Antisemitismus aus der Vergangenheit und der Gegenwart.
  • Entwickeln Sie ein Konzept, wie man Antisemitismus an Schulen begegnen kann. Befassen Sie sich auch mit existenten staatlichen oder nichtstaatlichen Präventionsprogrammen.
  • Grabschändungen auf jüdischen Friedhöfen sind auch heute traurige Wirklichkeit. Recherchieren Sie Vorkommnisse in Hessen und untersuchen Sie, was Justiz und Politik dagegen unternehmen.
  • Eine Neuauflage der Tagebücher von Anne Frank erschien anlässlich ihres 90. Geburtstags unter dem Titel „Das Hinterhaus“. Setzen Sie sich mit ihr auseinander.