Vergangenheit und Gegenwart

In Frankfurt, Darmstadt, Kassel, Limburg-Weilburg, Marburg, Wiesbaden, Fulda, Gießen, Offenbach, Bad Nauheim und Hanau gibt es heute jüdische Gemeinden. Allein die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main zählt über 7.000 Mitglieder, die zweitgrößte jüdische Gemeinde lebt in Wiesbaden mit knapp 900 Mitgliedern, es folgen Kassel mit knapp 800 und Offenbach mit über 700 Gemeindemitgliedern. Alle Gemeinden bieten ihren Mitgliedern neben dem religiösen Leben ein reichhaltiges Programm in den Bereichen Kultur und Bildung, Integration und Begegnung, wenden sich mit speziellen Angeboten an Jugendliche, Familien und ältere Menschen.

Stadtplan der Judengasse in Frankfurt von 1861

Stadtplan der Judengasse Frankfurt, 1861

© PD, Wikimedia Commons

Die jüdischen Gemeinden in Hessen blicken auf eine lange Geschichte zurück. Erste Gemeindegründungen im Mittelalter gingen auf Kaufmannsfamilien aus Italien und Südfrankreich zurück, die sich entlang der Hauptverkehrswege und Handelsrouten, entlang der Flüsse Mosel, Rhein und Main niederließen.

Jüdische Menschen in der Arbeitswelt

Doch Juden verdienten ihren Lebensunterhalt nicht nur als Kaufleute. In den Gemeinden gab es koschere Metzger und Bäcker, Gerber, Weber, Richter, Rabbiner, Schul- und Hauslehrer, Wäscherinnen, Schreiber, Steinmetze, Vorbeter, Schmiede, Händler, Bader, Beschneider, Ärzte; aber auch Helfer in der Synagoge und Gemeinde wie Garköche, Schulklopfer, die vor Schabbat oder Festtagen an die Türen klopften, um zum Gottesdienst zu rufen, Totengräber oder Hilfslehrer für die Betstube oder auch eine Jeschiwa, eine jüdische Hochschule. Ihre Arbeit als Handwerker litt schließlich unter den im Mittelalter entstehenden Zünften. Juden konnten sich nicht als Meister niederlassen, da die Zünfte ausschließlich Christen als Mitglieder zuließen.

Als das Dritte Laterankonzil im März 1179 Christen die Geldleihe verbot, übernahmen einige wenige Juden diese Aufgabe, wobei sich auch nicht alle Christen an das Verbot hielten. Da der Beruf des Geldverleihers als unmoralisch galt, entstand im Mittelalter das langanhaltende antisemitische Stereotyp, dass Juden gierig, geizig und skrupellos seien. In Wirklichkeit gab es jedoch viele arme Juden, die ihr Leben als Bettler und Hausierer fristen mussten.

Erste Zeugnisse jüdischen Lebens in Hessen

Was das jüdische Leben in Hessen anbelangt, so zeigt eine Urkunde vom 18. Januar 1074, mit der Heinrich IV. den Bürgern und Juden von Frankfurt, Worms, heute Rheinland-Pfalz, und anderen Orten bestimmte Privilegien einräumte, dass Juden spätestens seit Beginn des 11. Jahrhunderts in Städten und Gemeinden auf dem Gebiet des heutigen Landes Hessen lebten und arbeiteten. Zum Beispiel haben heute Fulda und Kassel, wie eingangs beschrieben, wieder jüdische Gemeinden. In Fulda lebten Juden seit der Gewährung des Marktrechtes 1096, in Kassel begann die Geschichte der Juden im 13. Jahrhundert, 1262 wurde erstmals eine Judengasse erwähnt, eine Synagoge nahe der Judengasse 1398.

Von Napoleon bis Nationalsozialismus

Gleiche Rechte und Freiheiten wurden den Juden in Hessen in den Jahren der französischen Besatzung weiter Teile Deutschlands unter Napoleon (1792 bis 1815) versprochen und festgeschrieben. Da die Aufnahmebeschränkungen in bisher Christen vorbehaltenen Berufen wegfielen, zogen zahlreiche jüdische Familien in Hessen in größere Städte. Die Gemeinden auf dem Lande wurden kleiner. Wenn auch Rechte und Freiheiten mit der Niederlage Napoleons wieder zurückgenommen wurden, blieben sie mit Blick auf die Frage nach der künftigen Rechtsstellung der Juden auf der politischen Tagesordnung und fanden schließlich Eingang in die Grundrechte der Paulskirchenverfassung des Jahres 1849. In der Reaktionszeit eingeschränkt, kam es im 1867 gebildeten Norddeutschen Reichstag erneut zu einer Debatte über Gleichstellung, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass in einer Zeit des industriellen Aufschwungs der jüdischen Bevölkerung nach wie vor viele Berufe verwehrt blieben. Der Reichstag beschloss das „Gesetz, betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung“, das am 22. April 1871 vom Reichstag des neuen Kaiserreichs übernommen und somit Reichsgesetz wurde.

Gleichberechtigung und Gleichstellung suchten viele Juden Ende des 19. Jahrhunderts in der Angleichung an die christliche Mehrheit. Manche konvertierten zum Christentum und passten sich kulturell und politisch der nicht-jüdischen Gesellschaft an. Ein berühmtes Beispiel ist der Frankfurter Schriftsteller Ludwig Börne. Doch Angleichung war kein Garant für Gleichberechtigung und Gleichstellung. Das mussten auch die vielen Juden erleben, die als Patrioten freiwillig für das Deutsche Reich in den Ersten Weltkrieg zogen. So zeichnete sich das Leben der Juden in den Jahren der Weimarer Republik durch Gegensätze aus.

Wie in ganz Deutschland leisteten auch in Hessen Juden im öffentlichen Dienst, in Industrie und Wirtschaft ihren Beitrag für die Gesellschaft, und dennoch wuchs der Antisemitismus, der in Gestalt der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) zu einer Bedrohung für das gesamte jüdische Leben wurde.

Die Frankfurter Judengasse

Das Bild zeigt ein Gemälde der Judengasse Frankfurt von Anton Burger aus dem Jahr 1883

Judengasse Frankfurt,Gemälde von Anton Burger, 1883

© Anton Burger, PD, Wikimedia Commons

In Frankfurt am Main, nach Berlin und München heute die drittgrößte jüdische Gemeinde in Deutschland, lebten seit dem 12. Jahrhundert Juden. 1462 mussten sie auf Beschluss des Rates der Stadt ihre Wohnsitze im Zentrum verlassen, ihre Synagoge in der Nähe des Doms aufgeben und in eine eigene Judengasse, in ein Ghetto, ziehen.

Sie war von Mauern umgeben und damit von der übrigen Stadt abgetrennt. Am Nord- und am Südende und in der Mitte gab es Tore, die nachts und an Sonn- und Feiertagen geschlossen wurden. Im 18. Jahrhundert lebten schließlich 3.000 Menschen in einem Viertel, dessen Größe für 10 bis 15 Familien angelegt war. 1796 beschossen französische Truppen Frankfurt, Teile des Ghettos brannten ab, 1811 wurde der Ghettozwang in Frankfurt endgültig aufgehoben. Doch erst 1864 hob die Stadt die Beschränkungen der Bürgerrechte auf, Juden waren nunmehr gleichgestellt.

Fragen

  • Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten sich in hessischen Städten und Gemeinden wieder jüdische Gemeinden. Sollte in Ihrer Stadt eine jüdische Gemeinde leben, recherchieren Sie vor Ort, wie das Gemeindeleben heute aussieht.
  • Recherchieren Sie liberale und konservative jüdische Gemeinden in Hessen. Vergleichen Sie diese Gemeinden hinsichtlich des praktizierten Synagogalritus und des Gemeindelebens.
  • Kennen Sie jemanden, der jüdischen Glaubens ist? Führen Sie ein Interview über das jüdische Leben in Hessen.
  • Untersuchen Sie, ob und wie in Schulbüchern oder Unterrichtsmaterialien jüdisches Leben in Deutschland thematisiert wird.
  • Erzählen Sie die Geschichte der Judengasse in Frankfurt am Main. Beschreiben Sie die Lebensbedingungen der Juden im Vergleich zur christlichen Bevölkerung im Rahmen der frühneuzeitlichen Stadt.
  • An beiden Seiten der die Judengasse abschließenden Tore, die nachts und an Sonn- und Feiertagen geschlossen wurden, war das kaiserliche Wappen befestigt. Gehen Sie der Frage nach, warum es dort angebracht war.
  • Nicht alle jüdischen Gemeinden in Hessen lebten in Ghettos. Untersuchen Sie Siedlungsformen im ländlichen Bereich.
  • Setzen Sie sich mit dem früheren Alltagsleben der Juden in einer hessischen Stadt oder Gemeinde auseinander. Versuchen Sie herauszufinden, welche Berufe Juden vor dem 19. Jahrhundert in Ihrer Region ausübten. Wenn es Ihnen möglich ist, gehen Sie auf Spurensuche.