Perspektiven


„Bleiben oder Gehen?“ ist eine Frage, mit der sich in Deutschland und auch in Hessen lebende Juden konfrontiert sehen. Die meisten entscheiden sich für „Bleiben“, die, die sich für „Gehen“ entscheiden, wandern oft nach Israel aus, und die, die sich unsicher sind, haben dort zumindest eine Wohnung, die ihnen Zuflucht bieten könnte. Sie wählen Israel aus dem Grunde, weil dieses Land sich seit seiner Gründung 1948 als Heimstätte für das jüdische Volk versteht.

Man sieht den Innenhof des Wiesbadener Rathauses von oben im Sommer, im Innenhof stehen viele Menschen, Tische und Schirme sind aufgebaut.

Auftaktveranstaltung der Ausstellung
„70 Jahre Israel in 70 Plakaten” am 23. August 2018 im Innenhof des Wiesbadener Rathauses
© Jüdische Gemeinde Wiesbaden, I. Eisenschtat

Die Schaffung eines Nationalstaates, einer Heimstätte für das jüdische Volk, war eine Antwort auf die Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert, auf Diskriminierung und Bedrohung, auf die vergebliche Hoffnung auf bürgerliche Gleichberechtigung.

Israel ist heute für alle Juden auf der Welt ein wichtiger Bezugspunkt ihres Glaubens und ihrer jüdischen Identität, auch für jene, die in dem Land, in dem sie leben, bleiben wollen. Eine neue Identität fanden auch Juden, die nach dem Ende der Sowjetunion nach Deutschland kamen. Auf der Grundlage eines Beschlusses der ersten gesamtdeutschen Ministerpräsidentenkonferenz vom 9. Januar 1991 wanderten über 220.000 Menschen als „jüdische Kontingentflüchtlinge“ nach Deutschland ein. Die Sonderregelung für jüdische Kontingentflüchtlinge endete im Januar 2005 mit einem neuen Zuwanderungsgesetz.

Die vielen Zuwanderer stellten die jüdischen Gemeinden in Hessen vor große Herausforderungen. Heute können sie auf eine gelungene Integration zurückblicken. Die Zuwanderer haben vor allem die kleineren Gemeinden verjüngt, vergrößert und bereichert. In Limburg und Hanau sind sogar reine Einwanderungsgemeinden entstanden. Eine beträchtliche Anzahl der jüdischen Einwanderer war allerdings wenig religiös und suchte keine Bindung zu den jüdischen Gemeinden.

Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit


Mehr als 80 Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit haben sich unter dem Dach des 1949 gegründeten Deutschen Koordinierungsrats mit Sitz in Bad Nauheim zusammengeschlossen.

Die Gesellschaften wenden sich gegen alle Formen der Judenfeindlichkeit, gegen Rechtsextremismus, Intoleranz und Fanatismus, sie setzen sich ein für die Verständigung und Zusammenarbeit von Christen und Juden, für ein freies ungehindertes jüdisches Leben in Deutschland und Solidarität mit dem Staat Israel als jüdischer Heimstätte.

Vor allem möchten sie Schülerinnen und Schüler in ihre Arbeit miteinbeziehen, die aus ihrer Sicht für ein zukünftiges friedliches Miteinander ohne Antisemitismus und Rassismus unverzichtbar sind. Der Deutsche Koordinierungsrat feiert 2019 sein 70-jähriges Bestehen.

Zentralrat der Juden in Deutschland


Der Zentralrat wurde am 19. Juli 1950 in Frankfurt von Delegierten der in der Bundesrepublik Deutschland bereits wieder existierenden jüdischen Gemeinden und ihrer Landesverbände gegründet. In den ersten Jahren seines Bestehens sorgte er sich um die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts, später kämpfte er gegen Antisemitismus und unterstützte die Annäherung zwischen Deutschland und Israel.

Zur Wiederbelebung jüdischer Kultur plant der Zentralrat aktuell die Errichtung einer jüdischen Bildungseinrichtung in Frankfurt. Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen wurde am 3. Juni 1948 in Frankfurt/Main gegründet und am 17. Dezember 1948 vom Hessischen Kultusministerium als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt.

Er hat die Aufgabe, die religiösen, wirtschaftlichen und rechtlichen Interessen der Jüdischen Gemeinden in Hessen und ihrer Mitglieder gegenüber der Landesregierung, allen Behörden und der Öffentlichkeit zu vertreten.

Am 18. April 2018 wurde auf einer gemeinsamen Fachtagung von Kultusministerkonferenz und Zentralrat der Juden die in Umsetzung der Ziele aus der „Gemeinsame[n] Erklärung zur Vermittlung jüdischer Geschichte, Religion und Kultur in der Schule“ erstellte kommentierte Materialsammlung vorgestellt, die Lehrkräfte im schulischen Alltag bei der Vermittlung der Vielfältigkeit des Judentums unterstützen soll.

www.zentralratderjuden.de

www.likrat.de Likrat ist ein Dialogprojekt

www.jg-ffm.de Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main

www.jg-wi.de Jüdische Gemeinde Wiesbaden

www.lvjgh.de Landesverband der jüdischen Gemeinden Hessen

www.zwst.org  Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland

Fragen

  • Wenn man jemanden für verrückt hält, bezeichnet man ihn als meschugge, wenn man Klartext spricht, redet man Tacheles. Analysieren Sie Wörter oder Sprichwörter, welche aus dem Jiddischen in unseren heutigen Sprachgebrauch übergegangen sind. Nehmen Sie hierfür ein Wörterbuch, z. B. das Grimm’sche Wörterbuch, zu Hilfe. Dokumentieren Sie Ihre Ergebnisse mit Hilfe einer Wandzeitung.
  • Der Musiker Manfred Lemm hat sich seit den 1970er Jahren mit den ausdrucksstarken jiddischen Liedern „Undser schtetl brent“ (Unser Städtchen brennt) von Mordechaj Gebirtig beschäftigt, der 1942 im KZ umkam. Die Kraft dieser Texte beeindruckt auch heute noch. Beschäftigen Sie sich mit einer Einspielung seiner Lieder zum Beispiel von Manfred Lemm oder Wolf Biermann und schreiben Sie darüber.
  • Die Jüdische Allgemeine ist die bedeutendste „Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben“. Stellen Sie sie vor.
  • Was bedeutet bürgerliche Gleichstellung für das Selbstverständnis der Juden im 19. Jahrhundert? Erläutern Sie dies am Beispiel von Ludwig Börne oder des Politikers Ludwig Bamberger.
  • Was ist liberales Judentum? Setzen Sie sich damit auseinander und gehen Sie der Frage nach, unter welchen Umständen das liberale Judentum in Deutschland entstand.
  • Seit 1952 findet einmal im Jahr die Woche der Brüderlichkeit statt. Stellen Sie ihre Geschichte vor und gehen Sie auf ihre Zielsetzung ein.
  • Seit 1968 wird die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen. Setzen Sie sich mit der Biographie und den Verdiensten eines Preisträgers auseinander.
  • Der Begriff Heimat hat für viele Juden in Deutschland und auf der Welt eine besondere Bedeutung. Angesichts der Jahrhunderte währenden Verfolgungs- und Opfererfahrung bedeutet Heimat oftmals Sicherheit. Fragen Sie in jüdischen Gemeinden an, ob Sie mit Gemeindemitgliedern zu diesem Thema ein Interview führen dürfen. Erarbeiten Sie einen Leitfaden und erstellen Sie mit weiteren Informationen ein Radiofeature.
  • Welchen sozialen Wert und welche sozialen Aufgaben hat die jüdische Gemeinde?
  • Israel ist die Heimstätte des jüdischen Volks. Setzen Sie sich in diesem Zusammenhang mit der Idee des Zionismus seit dem 19. Jahrhundert auseinander.
  • Warum kamen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland, wie wurden sie aufgenommen und wie veränderten sie die Gemeinden?
  • Das Jüdische Museum Frankfurt bietet mit der App „Unsichtbare Orte“ die Möglichkeit, die Geschichte der jüdischen Migration in Frankfurt seit 1945 zu verfolgen und im Stadtraum zu erkunden. Probieren Sie die App aus und ergänzen Sie, was Ihnen an Einträgen zusätzlich wichtig erscheint. Berichten Sie über die Arbeit mit der App.
  • Ignatz Bubis war von 1992 bis 1994 Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland. Auf seinen Wunsch wurde er nach seinem Tode am 13. August 1999 in Tel Aviv bestattet. Überprüfen Sie sein Resümee, dass er fast nichts als Präsident des Zentralrates bewirkt habe, indem Sie auf sein Leben und seine Biographie eingehen.